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Es ist schon ziemlich lange her, da war ich noch kleiner als jetzt und musste mit meinen Eltern regelmäßig die Berliner und Brandenburger Wälder beackern und Pilze sammeln gehen. Diese Formulierung „Wir gehen in die Pilze“ war ein Reizwort, ich fand das damals langweilig und anstrengend. Aber wie das mit so vielen Dingen ist, die Zeiten ändern sich und heute denke ich anders darüber. Drum fuhr ich mit meiner Freundin Lena Hallimasch nach Pirmasens, um zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: 1. Jenny endlich in ihrer neuen Heimat am Ende von Deutschland zu besuchen und 2. im Pfälzer Wald Pilze sammeln zu gehen.

Wider Erwarten und gemessen an unserem Pilzsammelversuch letzte Woche im Gonsenheimer Wald war diese Pilzsuche ziemlich erfolgreich. Jede Menge Schirmpilze, Rotfußröhrlinge und Schopftintlinge wanderten in unsere Körbe, äh, Tupperdosen. Unterwegs konnten uns pfälzelnde Pilzkenner bei der Bestimmung helfen, aber allein die zwei Bestimmungsbücher, die ich von meinen Eltern mitgenommen hatte (made in GDR), haben uns weit gebracht.

Das Wald- und Wiesenerlebnis wurde mit einer wahrlich interessanten Erforschung des kleinen Städtchens Pirmasens verbunden, was zu erstaunlichen Erkenntnissen führte. Pirmasens, einst Deutschlands Schuhhauptstadt mit knapp 60.000 Einwohnern, heute noch 40.000 Menschen beherbergend, ist ziemlich wunderlich, erschreckend und witzig, schön und hässlich zugleich. Unheimlich ruhig ist es da, wenig los auf den Straßen, massenhaft leerstehende Fabrikgebäude und Geschäfte, an denen noch alte Aufschriften und Schilder prangen und von einer einst florierenden Gegend zeugen. Wohngebäude, so grau und heruntergekommen, als würde dort niemand leben. Dann wieder Villenviertel mit wunderschönem Ausblick auf den Wald und großen, herrschaftlichen Häusern. Am unterhaltsamsten aber ist das nicht ironisch gemeinte und daher unfreiwillig komische Zusammenspiel aus Relikten früheren Lebens wie alten Schildern, Aufschriften oder Geschäftsauslagen und einer gewissen provinziellen Kitschigkeit, die sich zusammen zu etwas vereinen, was man heute Streetart nennen würde. Möchte man authentische Straßenephemera erleben, sollte man nach Pirmasens fahren!

Vor etwa vier Wochen war ich zum ersten Mal in London. Die vielen überraschten Reaktionen diverser Gesprächspartner („Was, du warst noch nie in London? OMG!“) haben sicherlich dazu beigetragen, dass ich diese Stadt nun auch mal sehen wollte, es war aber auch die Idee, mit meiner alten Freundin Katja Urlaub zu machen. Es bot sich also an, eine Stadt zu besuchen, die ich noch nie und sie vor Ewigkeiten einmal gesehen hatte. Städtetrips sind ja nie entspannend und gerade in London kann man wohl kaum von einer entspannten Stadt sprechen, was die Geschwindigkeit des Lebens dort angeht: schnelle U-Bahnen, überall Take-Away-Sandwich-Stores für das Mittagessen auf dem Weg, rasende Busse und unheimlich stark beschleunigte Rolltreppen. Die Stadt gibt den Takt vor, in dem man sich als Mensch dort zu bewegen hat, nach den ruhigen Ecken muss da man schon etwas suchen. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch Flecken zum Innehalten und Fotographieren.

Es hat doch noch geklappt, ich konnte eine Woche vor Schluss die dOCUMENTA (13) besuchen! Unsere kleine Kunstkutsche machte sich um 7 Uhr in Mainz auf den Weg nach Kassel, wo wir dann gar nicht mal so lange für ein schönes Tagesticket anstehen mussten. Los ging es mit der documenta-Halle und der Orangerie, dann schlenderten wir durch die Karlsaue und fanden schließlich mit der Neuen Galerie einen gebührenden Abschluss des Tages. Zwischen den skeptisch dreinblickenden Besuchern ohne Kunstkontext und den wissend scheinenden Bildungsbürgern war es eine Freude, sich an der öffentlichen Wirkung der Werke zu erfreuen. Wie schön, dass hier eine Mischung an Menschen zusammenkommt, in der sich der sinnlich-ästhetische und der intellektuellen Zugang zur Kunst vereinen.

Besonders gefallen haben mir die Arbeiten von Etel Adnan – kleinformatige, farbenfrohe Bilder, in deren Flächigkeit man gerne Landschaften erkennen möchte –, Maria Martins – Skulpturen zwischen menschlichen und tierischen (oder außerirdischen) Lebensformen, irgendwie abstoßend und gleichzeitig unglaublich elegant – und David Link – mechanisch erzeugte Liebesbriefe aus den immer gleichen Worten, die das Verhältnis von Mensch und Maschine erkunden. Wer sich noch auf den Weg nach Kassel machen möchte, dem empfehle ich außerdem die ausgestellten Stücke von Apitchapong Weerasethakul, Erkki Kurenniemi – elektronische Musikinstrumente und Videokunst in verspielter und experimenteller Manier – und die Klanginstallation von Janet Cardiff und George Bures Miller und und und … Es gibt viel zu entdecken!

1+2: Pedro Reyes – Sanatorium

3: Maria Martins – Prometheus II, 1948

4: Time/Bank (e-flux: Julieta Aranda und Anton Vidokle)

5: Andrea Büttner

6: Apichatpong Weerasethakul – The Importance of Telepathy

7: Christian Philipp Müller – Mangold-Fähre (Der Russe kommt nicht mehr über die Fulda)

… Radebeul! Noch einmal Luft holen für die letzten Meter vor der Prüfung. Letztes Wochenende war diese Luft besonders warm, schön und weingeschwängert. In Radebeul bei Dresden, dem idyllischen Ort, wo Karl May und Gerhart Hauptmann lebten, wo Wein wächst und getrunken wird, besuchte ich meine Großeltern. Eigentlich braucht es kein Instagram, um diese Landschaft zu zeigen, und eigentlich ist es auch heuchlerisch, diese Pseudoretrobilder auf Blogs zu stellen. Doch in Ermangelung einer anderen Kamera musste ich darauf zurückgreifen.

Irgendwie spiegeln diese Fotos auch ganz gut wieder, wie Instagram selbst funktioniert. Ich lege über ein Bild einen Filter und enthebe es damit seiner Realität, lasse es aus der Zeit fallen, mache es vielleicht schöner, als es ist. Mit Radebeul funktioniert es umgekehrt. Die Stadt wirkt malerisch, ein bisschen realitätsfern, besonders bei den hohen Temperaturen, die an diesem Wochende herrschten, bis einem auffällt, dass man hier sehr wohl in der Wirklichkeit lebt. Die Häuser haben Risse, die Straßen Löcher, die ihnen erst den richtigen Charme verleihen. Und der Wein ist auch nicht der süßeste. Instagram legt eine glatte Patina über die Landschaft, in echt aber ist Radebeul noch viel schöner als auf diesen Bildern!

Die offizielle Festivalhymne zum diesjährigen MELT! – „2 Hearts“ von Digitalism – wollte zwar nur zwei Herzen schlagen hören, in Wirklichkeit waren es aber weitaus mehr: Auf dem schönen Ferropolis-Gelände hatten sich gefühlt noch mehr Indie- und Elektroliebhaber eingefunden als im letzten Jahr. Es war voll, aber trotzdem nicht überfüllt, was eine der ganz großen Stärken dieses Festivals ist, das sich so seine Gemütlichkeit bewahren konnte. Hipster, sächselnde Styler, junges Gemüse, ein paar verirrte Prollos und jede Menge Holländer bevölkerten Campingplätze und Festivalgelände, machten kleidungsmäßig wieder alles mit, was ging. Obligatorisch: Jeanshotpants, Strohhut, Glitzer im Gesicht, goldene Leggins, bunter Kopfschmuck. Doch war das Publikum etwas weniger stylisch als in den letzten Jahren, was gut ist, denn ein bisschen Ranzigkeit gehört schließlich zum Festival dazu. Das Wetter spielte daneben auch allen in die Hände, die Klamotten jeglicher Art mitgenommen hatten: Am Freitag war es kühl und windig, am Samstag heiß und sonnig und sonntags regnete es schließlich und wollte bis 2 Uhr nachts gar nicht mehr aufhören. Egal, das Line-Up gefiel trotzdem. Es war bei mir in diesem Jahr besonders ein Festival für alte Bekannte, ich habe mir fast ausschließlich Gigs von Künstlern angesehen, die ich schon kannte und darüber die Auftritte einiger anderer Größen verpasst. Doch schließlich geht der Genuss über den Stress, alles sehen zu wollen, so ist zumindest meine Einstellung. Daraus wurde dann schließlich eine schöne, runde Festivalerfahrung. Eine Enttäuschung gab es aber doch: Crystal Castles konnten sich trotz zahlreichen Zuschauern nicht dazu durchringen, länger als 40 Minuten zu spielen, was ihnen berechtigte Pfiffe und Buhrufe einbrachte. Davon abgesehen gab es aber eine Menge Highlights. Meine Top Ten:

1. Robyn: Das schwedische Partyhuhn hüpfte im Flummimodus über die Bühne und intonierte „With Every Heartbeat“ und „Love Kills“, als würde sie die Songs zum ersten Mal performen

2. Console: überzeugte mit herrlich atmosphärischen Visuals und sphärischen Klängen, die sich in ihrer Tanzbarkeit immer mehr steigerten

3. Junip: Als letzter Gig am Sonntagabend im Introzelt gab es stimmungsvollen Schwedenpop mit einlullender Lichtshow und einem äußerst charmanten José González

4. Apparat Band: Sascha Ring und seine Mannen tauchten die Melt!selektorstage direkt am Gremminer See in loungige Beats und läuteten damit die kommenden Tage ein.

5. Patrick Wolf: Rothaarig und stilvoll im blauen Anzug bescherte er dem frühen Publikum (er spielte um 19:30 Uhr) mit seinem melodischen Multiinstrumentenpop ein schönes Glanzlicht

6. Les Savy Fav: fabrizierten dank Sänger Tim Harrington eine der spannendsten Bühnenshows. Nachdem der nur mit einer Unterhose Bekleidete sich am Seitenvorhang auf die Bühne geschwungen hatte, zog er sich auch noch ein buntes Vogelkostüm an und suchte regelmäßig den Kontakt zum Publikum

7. Cold War Kids: Der Regen konnte die Stimmung kein bisschen trüben, als die kalifornischen Indierocker die Hauptbühne bespielten. Es wurde mitgesungen und getanzt, bis alle trocken waren

8. Fotos: Deutscher Indiepop at its best. Routiniert sind sie nach drei Alben, aber nicht weniger sympathisch und spielfreudig, sodass „Nach dem Goldrausch“ und „Porzellan“ richtige Mitsinger wurden

9. Retro Stefson: Leider kamen wir zu spät zu diesem Konzert in der samstäglichen Nachmittagshitze, trotzdem wurde die letzten Minuten bei flockigem Indiepop getanzt, was das Zeug hält

10. Digitalism: Keine gute Stimme, aber eine gute Show und eine Tanzbarkeit, die noch jedem Eckensteher in die Beine geht, machten Digitalism zu einem Highlight am Samstag.

Der Rest: Paul Kalkbrenner, Nicolas Jaar, Boys Noize, Miss Kittin, FM Belfast, Beady Eye, The Streets, Bodi Bill, Pulp, These New Puritans, Metronomy und DJ Koze.

Alle Bilder gibt es hier.