Archiv

Schlagwort-Archive: Todestag

Reinhard Lakomy ist wirklich der Held meiner Kindheit! Nicodemus vom Wolkenstein, Schlapps und Schlumbo, Springinkel, Moosmutzel und Waldwuffel oder Mimmelitt das Stadtkaninchen, das sind die schönen Figuren aus seinen Geschichtenliedern, den Kinderhörspielen, die der Musiker zusammen mit seiner Frau Monika Erhardt produzierte. Lakomy aber war generationenübergreifend, einer der einflussreichsten und eigensinnigsten Künstler der DDR und der Nachwendezeit. Er kam aus dem Jazz, war Liedermacher und Pianist, komponierte elektronische Musik und die fantastischen Geschichtenlieder, die ich auch heute noch liebe und immer wieder hören kann. In nächster Zeit werde ich sie wieder öfter hören, denn gestern ist Reinhard Lakomy im Alter von 67 Jahren an Lungenkrebs gestorben, der erst vor sechs Wochen bei ihm festgestellt wurde.

der-wolkenstein_klein der-traumzauberbaum_klein schlapps-und-schlumbo_kleinHätte ich nicht zufällg mit meinen Eltern, die gerade zu Besuch waren, die Nachrichten beim rbb geschaut, ich hätte die Meldung wahrscheinlich erst über die „Kürzlich verstorben“-Rubrik bei Wikipedia mitbekommen. Kein Beitrag dazu in der Tagesschau, ein liebloser Nachruf bei Süddeutsche.de, immerhin ein schöner Text auf ZeitOnline. Lakomy aber war groß, er war wichtig, er war der Held von Millionen von Kindern und jungen Menschen in der DDR, die heute im wiedervereinigten Deutschland leben und dort die Idole ihrer Jugend nicht wiederfinden. Wie soll man jemals ankommen, wenn die Bedeutung – für die Medienpräsenz als Gradmesser genommen werden kann – der eigenen Erfahrungsswelt wieder auf eine Teilgesellschaft reduziert bleibt? Man könnte sagen, dass Lakomy für die Kinder des Ostens das war, was Otfried Preußler für die des Westens verkörperte. Sollte man ihn dann nicht auch entsprechend würdigen?

Vorgestern verstarb Kurt Maetzig, Regisseur und Mitbegründer der DEFA. Sein Wirken in der Filmlandschaft der DDR war rebellisch und angepasst zugleich. Ambivalenzen prägten seine Arbeiten, wie es bei den meisten Künstlern aus der DDR der Fall ist. Neben seinen ideologisch gefärbten Filmen wie Ernst Thälmann – Sohn seiner Klasse (1954), der dem Sozialismus verschrieben ist, stehen Dramen, die mit ihrer kühlen Bildsprache genau gegen diese Ideologie arbeiteten und teilweise verboten wurden. Maetzigs bekanntester Film Das Kaninchen bin ich (1965) durfte nicht uraufgeführt werden und prägte den Begriff der Kaninchenfilme, der verbotenen Werke, die nicht in das Kunstverständnis der DDR-Führung passten. So kann es gehen, wenn man das „Neue Deutschland“ anzündet und staatliche Willkür mit ungeschöntem Duktus darstellt.

Überrascht und erfreut war ich darüber, dass fast jede große Tageszeitung – zumindest auf ihren Onlineauftritten – dem Filmemacher einen Nachruf widmete. F.A.Z., Süddeutsche Zeitung, und Spiegel Online, und natürlich die Berliner Zeitung und die Morgenpost. Für ein genaueres Verständnis der verbotenen Werke Maetzigs und anderer empfehle ich das Kapitel „Das Reformdebakel“ in Wolfgang Gerschs Buch „Szenen eines Landes. Die DDR und ihre Filme“ (Berlin: Aufbau-Verlag, 2006), das sich den politischen Kontexten der Kaninchenfilme widmet.

Marilyn Monroes Todestag jährte sich gestern zum 50. Mal. Man kann eigentlich nichts mehr über diese Frau schreiben, das nicht schon geschrieben worden ist. Trotzdem bleibt sie unergründlich. Das sie heute noch als Idol gilt, deren Reiz und sexuelle Anziehungskraft imitiert wird, ist mehr als fragwürdig. Ist sie nicht vielmehr ein Spielball männlicher Dominanz gewesen, die sie zu einem erotischen Frauenbild geformt hat, das auf Unterwürfigkeit und Unschuld basiert? Warum hat sie das Spiel mitgespielt, wenn doch auch immer wieder durchschimmerte, dass sie mehr sein kann und will, als nur die blonde Sexbombe? Es bleiben unbeantwortbare Fragen und einige wenige Filme, wie John Hustons The Misfits (Nicht gesellschaftsfähig, 1961), die Marylin Monroe vielleicht am ehesten so zeigen, wie sie wirklich war: Eine Mischung aus Rolle und darunter versteckter verletztlicher Menschlichkeit, die keinen Platz in einer Gesellschaft der Eindeutigkeiten hat.

Gestern ist an seinem 91. Geburtstag der französische Filmemacher und Künstler Chris Marker verstorben. Mit seinen Essayfilmen, die Mediengrenzen überschreiten, Fotografie, Objekt- und Videokunst einbeziehen, hat er sich der Erkundung menschlicher Erinnerung und ihrer Materialität gewidmet. Mir gefällt daran der poetische Bezug zu menschlichen Grundkonstanten wie Liebe und Tod, sein Umgang mit Erinnungsstücken und Bruchteilen, die sich in den Filmen zu Bildern über Persönlichkeiten, Geschichten und das Erzählen zusammenfügen.

Bekanntheit erlangte Marker mit seinen Werken La Jetée (Am Rande des Rollfelds, 1962) und Sans Soleil (Sans Soleil – Unsichtbare Sonne, 1983). Fritz Göttler hat für die Süddeutsche Zeitung einen Nachruf verfasst. Markers Film Junkopia (1981) findet sich auf ubu.com. Nicht zuletzt ist auch das Blog über den Künstler lesenswert. Hoffentlich kann es sein Schaffen in guter Erinnerung halten.

La Jetée auf YouTube

2.8.: Da wurde schnell reagiert und das Video gelöscht! Seltsam, dass erst nach dem Tod des Künstlers das Netz nach seinem Werk durchforstet wird. Hier ein anderes Andenken:

Der Poptheoretiker Martin Büsser ist am 23. September im Alter von 42 Jahren an Krebs gestorben. Büsser hatte in Mainz Literaturwissenschaft, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte studiert und dann den auf Popkultur spezialisierten Ventil Verlag mitgetragen. In seinen zahlreichen Texten, unter anderem für die Magazine Intro, Emma, konkret und die Süddeutsche Zeitung, beschäftigte er sich mit der Bedeutung von Kunst, Musik, Film und verschiedenen Subkulturen. Die deutsche Popkultur verliert mit ihm einen ihrer eloquentesten, interessantesten und unprätentiösesten Autoren und Gestalter.

Hier ein Interview, das die STUZ im September 2008 mit ihm führte, sowie der Nachruf von Linus Volkmann in der Intro.