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Ohren/Augen/Kopf/Finger

A Tribe Called RedGestern gab es für mich eine weitere Lektion in Aboriginal Studies: Der tanzfreudige Samstagabend führte uns zu Electric Pow Wow, einer Party, bei der das DJ Team A Tribe Called Red auflegte. Die aus Ottawa stammende Band mixt traditionelle Musik der First Nations mit modernen elektronischen Klängen, HipHop und Dub Step zu einer sehr tanzbaren Fusion namens Pow Wow Step. Ich bin davon ziemlich angetan! Nicht nur dass die Musik extrem gut in Beine und Hüften geht und im Club eine wirklich gute Stimmung erzeugt, mir gefällt auch das soziale Engagement der Truppe, die sich in ihren Tracks mit der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation von indigenen Gruppen und deren Repräsentation in Medien und Politik auseinandersetzt. //

Another lesson of Aboriginal Studies for me: Saturday night lead to Electric Pow Wow, a party hosted by Ottawa based DJ Crew A Tribe Called Red that mixes traditional First Nations music with modern electronic sounds, hip hop and dub step and merge it into very dancable pow wow step. I’m totally into it! Not only does this music make me wanna dance all night, I also like the social activism of the group. In their tracks they address the current societal situation of indigenous people and their representation in media and politics.

Wie sich dann im Laufe meiner Recherche herausstellte, waren Mitglieder von ATCR auch an der Ausstellung Beat Nation: Art, Hip Hop and Aboriginal Culture in Montréal beteiligt, die ich zusammen mit meiner Schwester besucht hatte. So stammt unter anderem das Exponat, das mir am eindrücklichsten im Gedächtnis geblieben ist, von Bear Witness, einem DJ von ATCR. In seinem Videoclip „Assimiliate This“ mischt er Pow Wow Step mit medialen Darstellungen der First Nations aus Film und Fernsehen, unter anderem Jim Jarmuschs „Dead Man“ (siehe auch das Video zu „Electric Pow Wow Drum“). Die Fragen, die seine Werke aufwerfen, betreffen Rassismus, kulturelle Aneignung und Stereotypisierung indigener Kultur in Gesellschaft und Medien. Sie haben mich fasziniert und überrascht, weil ich sie mir selbst noch nie gestellt habe, obwohl mir der größere historische Rahmen bewusst war. Der aktuelle Diskurs hier in Kanada – wie schon einmal gesagt – ist neu für mich. //

Doing some reading on the group I found out that they were part of an exhibition that I’ve been to in Montréal with my sister called Beat Nation: Art, Hip Hop and Aboriginal Culture. The exhibit that impressed me most was made by Bear Witness, a DJ of ATCR. In his video „Assimilate This“ he mixes Pow Wow Step with media portrayals of First Nations in film and television, among them Jim Jarmusch’s film „Dead Man“ (see also video „Electric Pow Wow Drum“). In his work he raises questions concerning racism, cultural appropriation and stereotypes of indigenous culture in society and media. I was really fascinated and at the same surprised because it never occurred to me to ask these questions, although I knew about the bigger historical context. But as I said before, the current debate in Canada is new to me.

Dabei haben gerade die Deutschen doch eine so große Liebe zu „ihren Indianern“. Sie ist sogar so groß, dass sich Sat.1 vor kurzem gedacht hat, mal wieder einen TV-Western produzieren zu müssen. Es war eine interessante Erfahrung für mich, als ich kurz nach meinem Besuch der Ausstellung in Montréal die Kritik zu „In einem wilden Land“ in der FAZ las und merkte, wie sich meine Perspektive auf das Thema verändert hat, wie ich viel sensibler für die kulturellen Zusammenhänge geworden bin, auf die sich der Film bezieht. Der Text spricht zwar auch die einfache Einteilung der Charaktere in wild und zivilisiert an und kritisiert Überhöhung und Klischees, sich wirklich mit der Problematik auseinandersetzen oder das eigene Bild vom „Indianerfilm“ hinterfragen tut er allerdings nicht. Dabei wäre es wichtig aufzuzeigen, wie wir zu diesen Bildern kommen, dass sie nämlich größtenteils aus den bunten Romanen und Filmen von und nach Karl May stammen. Wenn ich wieder in Deutschland bin, möchte ich die Probe aufs Exempel machen und das Karl May-Museum in Radebeul besuchen, einen Ort meiner Kindheit, den ich so oft gesehen habe und den ich dann wahrscheinlich mit anderen Augen sehen werde. //

The Germans of all people seem to be very fond of „their Indians“. They are even so much fascinated by them that the private TV station Sat.1 currently produced another western movie. For me it was a very interesting experience to read a review about the film called „In A Savage Country“ in the Frankfurter Allgmeine Zeitung just after I had seen the exhibition in Montréal because I realized that my perspective had changed. I was much more aware of the cultural contexts of the issue the film refers to. The text also addresses the simple distinction between savage and civilized and criticizes the exaggerations and clichés, but it doesn’t really discuss the problematic nor does it question its own image of an „Indian movie“. But it would be important to show where those images come from, in fact they mostly descend from colourful novels and films written and inspired by Karl May. When I’m back in Germany I want to make a test and visit the Karl May museum in Radebeul, a childhood scene of mine that I’ve been to a lot of times and I that I might perceive differently now.

IMG_3886Auf dem alten Opelgelände in Rüsselsheim wachsen Bäume auf dem Dach und Töne in den Himmel. Schön war es dieses Jahr beim Phono Pop Festival, Sonnenschein und feinste Musik versüßten mein Wochenende. Ich konnte wirklich einige Entdeckungen machen: The Dope, Suuns, HVOB. Aber auch die Altbekannten waren superb: Local Natives, When Saints Go Machine, Dear Reader und The Thermals. Bilder von den Gigs gibt es leider nicht, meine Kamera gab batteriemäßig den Geist auf und das iPhone hat nun mal keinen Zoom zu bieten. Doch dies sei gesagt: Man sollte einfach selbst hierher kommen und sich in schönster Industriekulisse berauschen lassen von guter Musik, tollem Essen, den Lichtern der Flugzeuge und netten Menschen.

Jonas hat jetzt auch Fotos gemacht und schöne Worte gefunden!

Eine Freundin postete einen Link zu einem Video und ich war hin und weg! „Mountains Crave“: eine glasklare Stimme, eine melodische Orgel, dazu goldene Bilder. Anna von Hausswolff heißt die junge Sängerin, geboren in Götheborg in eine Künstlerfamilie. Aus der Zeit gefallen ist nicht nur ihre Musik, deren Hauptbestandteil die Orgel ist, auch in ihren Musikvideos lebt sie den Hang zum Anachronismus.

Einfach, wie im heimischen Garten enstanden, grobkörnig, so sehen die Bilder aus, die sie zu ihrer mal schwermütigen, mal elfenhaft leichten Musik findet. Keine digitale Technik, die das Bild glättet. Die Ästhetik, die sich darin entfaltet: morbide, dunkel, sinnlich. Sie muss ein Fan der Romantik sein, ihre visuellen Geschichten stecken voller Natur-, Religions- und Vanitassymbole, schwanken zwischen Weltfremdheit und Realität, Bedrohlichkeit und Schönheit, Übersinnlichem und Konkretem. An den meisten Videos ist sie selbst beteiligt oder hat Familienmitglieder, Bekannte und Freunde eingespannt. So auch den Kameramann und Regisseur Anders Nydam, der den Entstehungsprozess ihres aktuellen Albums „Ceremony“ begleitet hat, das passenderweise in einer Kirche aufgenommen wurde. Dass dieses gerade auch noch bei City Slang, meinen liebsten Plattenlabel, erschienen ist, freut mich umso mehr. Ein Interview mit der Sängerin findet sich übrigens im aktuellen Interview Magazine.