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Lichtspielhaus/Flimmerkiste

Eigentlich wollte ich den Film zunächst gar nicht schauen, aber dann konnte er doch mein Herz erwärmen und hat mich begeistert. Lakonisch, chaotisch und sehr treffend. Mehr möchte ich gar nicht sagen, wir sollten lieber alle tanzen!

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The OutsLena Dunhams Girls hat mich ja im Großen und Ganzen nicht so sehr überzeugt. Nach der just erfolgten Beendung der zweiten Staffel meinerseits konnte ich mich allerdings einiger gesteigerter Sympathien für die Serie nicht erwehren: Die Charaktere werden komplexer und die Geschichten tiefgründiger. Witziger, wenn natürlich auch weitaus mehr dem Muster einer Sitcom folgend, fand ich dann New Girl, das ich jetzt nach langem Zögern gesehen habe und das mich wirklich positiv überrascht hat. Als ich auch damit durch war, musste eine neue Serie her, möglichst bitte auch zur gleichen Thematik: junge Berufsanfänger in unsicheren oder gar nicht existierenden Arbeitsverhältnissen, Mitte bzw. Ende Zwanzig, in hippen Städten wie New York oder Los Angeles wohnend und nicht den durchschnittlichen Amerikaner repräsentierend, sondern schon einer kreativen bis alternativen Szene angehörend. Und gerne mit amourösen Verwicklungen jeglicher Couleur. Ein bisschen klingt diese Beschreibung nach Befindlichkeitsbingo, doch ich kann mich darin momentan gut wiederfinden, weshalb es mir auch Spaß macht, anderen bei ihrem steinigen Weg durchs junge Leben zuzuschauen. Zumal das Thema ja auch längst im Kino angekommen ist, siehe den gerade groß gefeierten neuen Streich von Noah Baumbach, Frances Ha.

Wie gut, dass ich am Samstag durch die ohnehin von mir geschätzte Website Flavorwire auf The Outs und Whatever this is stieß. Erstere eine siebenteilige Webserie des New Yorker Regisseurs und Autors Adam Goldman, der darin eine schöne Liebes- und Freundschaftsgeschichte inklusive aller Irrungen und Wirrungen erzählt. Mich haben vor allem der professionelle Look, die interessanten und humorvollen Charaktere und die spannende Dramaturgie samt Falltüren und Rückblenden überzeugt. Das Projekt wurde durch Kickstarter finanziert und im Freundeskreis von Goldman umgesetzt, samt Einbezug seines Appartments, seiner Lieblingsgeschäfte und Lieblingsbands in Brooklyn. Alles so schön local, alles so schön hip, könnte man sagen, aber ich finde gerade dieser leise und unaufwendige Ton ermöglicht der Serie viel Herz, Charme und Authentizität, wie sie in größeren Produktionszusammenhängen weniger möglich wären (was man an mancher Stelle in New Girl sieht).

Das Nachfolgeprojekt nennt sich nun Whatever this is und dreht sich wieder um eine Gruppe junger New Yorker, die neben dem beruflichen Hürdenlauf auch im Privaten erst noch nach dem Sinn ihres Daseins suchen muss. Die erste Folge ist online, ich bin gespannt auf den Rest.

Der Osten – dieses politisch so stark aufgeladene Wort bekommt in The East von Zal Batmanglij nur eine kleine, poetische Erklärung: Im Osten geht die Sonne auf und macht alles neu. So wie dieser Spruch das Politische poetisiert, stimmt der Film in seinen Bildern einen kunstvollen Ton an. The East ist politisch, aber in seiner Erzählung sehr poetisch. Denn es geht um Menschen, nicht um Manifeste.

Zunächst sieht man nur ein Phantom, eine radikale Ökogruppe, die mit terroristischen Aktionen gegen Großunternehmen vorgeht. Man sieht sie durch die Augen der Agentin Jane, gespielt von der beeindruckenden Brit Marling, die mich schon in Another Earth begeistert hatte. Und wie sie wird der Zuschauer zum verdeckten Ermittler, der sich in die Gruppe einschleust und nach und nach die Menschen hinter dem Phantom kennen lernt. Schicht für Schicht wird deren Identität freigelegt: Erst fallen die langen Hippiehaare, dann die Decknamen, irgendwann die körperliche Distanz. In diesem Raum des allmählichen Kennenlernes lässt sich in vielen Nahaufnahmen verhandeln, was zum Politischen wird: Der schmale Grad zwischen bloßem Aktionismus und wirklicher Überzeugung, zwischen persönlichem Risiko und dem bedingungslosen Kampf für die größere Sache spiegelt sich in den Rollen, die, jede für sich, komplexe Geschichten entfalten und auf zeitgenössische Themen wie Umweltverschmutzung oder Pharmapfusch verweisen.

Statt Pauschalität, wie sie gefährlich wäre, möchte man eine politische Geschichte erzählen, bestimmt in The East das Individuelle, das schließlich hinter allem Politischen steht. Vom Trailer, der eher an einen Horrorfilm oder Thriller erinnert, sollte man sich nicht täuschen lassen. Der Film ist eine überaus spannend inszenierte, ästhetisch feine Charakterstudie moderner Menschen, die mit Ellen Page, Alexander Skarsgård und Toby Kebbell auch in den weiteren Hauptrollen gelungen besetzt ist.

Zollhafen_MainzEs ist endlich Sommer draußen! Obwohl ich selbst ja eher ein Winterfreund bin und lieber die Kühle als die Hitze mag, bin ich bis jetzt doch schwer begeistert vom warmen Wetter. Es gibt dabei eigentlich nichts Schöneres, als sich mit netten Menschen und einem kühlen Bierchen an den Rhein zu setzen und den Sonnenuntergang zu beobachten. Oder… man setzt sich vors heimische Kino und schaut sich den Sommer im Film an.

Es gibt Weihnachtsfilme und Winterfilme, aber geschwitzt wird im Kino viel zu selten. Und darüber gesprochen wird erst recht nicht. Ich hatte zwar mal ein Seminar zur Atmosphäre im Film, da ging es wirklich auch ums Wetter, aber die Art wie dort über Wolken und Winde diskutiert wurde, passte irgendwie auch nicht so ganz zum Sommer. Dabei existieren doch Filme, die Schwüle, Badengehen und lange Abende nicht nur abbilden, sondern auch dieses ganz bestimmte Gefühl, welches es nur im Sommer gibt, zum Thema machen. Die Süddeutsche hatte letztes Jahr auf ihrer Website eine Sammlung Sommerfilme gepostet, deren Auswahl ich aber ziemlich willkürlich fand. Hier daher meine persönlichen Lieblingssommerfilme, ohne Hierarchie, versteht sich.

Do The Right Thing (USA 1989, R: Spike Lee)

„And that is the truth, Ruth!“ Im New York der späten 80er kochen nicht nur die Temperaturen hoch, sondern auch die kulturellen Unterschiede, die sich im extraheißen Melting Pot der Stadt treffen.

Sommer vorm Balkon (Deutschland 2007, R: Andreas Dresen)

Kaum ein Film beschreibt schöner, wie der Sommer in Berlin zwischen absolutem Hochgefühl und dunklen Regenwolken pendeln kann. Und wieder funktioniert Dresens Blick für die kleinen Geschichten in der großen Stadt.

Days of Heaven (In der Glut des Südens, USA 1978, R: Terrence Malick)

Dieser Film lebt vom Sonnenuntergang, vom Getreide, das sich auf den Feldern wiegt und vom Schweiß, der den Arbeitern nach einem langen Tag im Gesicht klebt. Poetisch und melancholisch. Typisch Malick eben.

Alle Anderen (Deutschland 2009, R: Maren Ade)

Der Deutschen liebste Jahreszeit – der Urlaub – kann ganz schön ausarten, wenn man sich fernab von Zuhause mit allen den Problemchen und Problemen konfrontiert sieht, die sonst im Dunst des Alltags untergehen.

Les amants (Die Liebenden, Frankreich 1958, R: Louis Malle)

Ein Geniestreich von Malle, der hier mit konventionellen Werten bricht. Ab Minute 56 gibt es eine der schönsten Liebesszenen des Kinos in einer milden Sommernacht, mit ganz viel savoir vivre.

The Virgin Suicides (USA 1999, R: Sofia Coppola)

Something completely out of touch with reality. Das ist dieser Film wohl. Lichtreflexe und Pastellfarben haben einen entscheidenen Anteil daran, diese unwirkliche Sommerwelt amerikanischer Vororte zu beschreiben. Immer noch mein liebster Film von Sofia Coppola.

Mitfahrer (Deutschland 2004, R: Nicolai Albrecht)

Im Sommer ist man potentiell mehr auf Straßen unterwegs, in den Urlaub, an den Badesee, ans Meer. Dabei kann es ganz schön anstrengend sein, in so einer viel zu heißen Blechkiste festzusitzen, noch dazu mit Fremden. Kitschiger Untertitel, aber ein gelungener deutscher Film.

Morgenmantel_01 Morgenmantel_02Morgenmantel_03Ich habe mein erstes großes Nähprojekt beendet: ein Morgenmantel im Kimonostil! Bin ganz stolz auf mich, es hat – bis auf kleinere Problemchen – alles so funktioniert wie in der Anleitung beschrieben. Schon länger wollte ich einen schönen Morgenmantel haben, aber die gemütlichen Bademäntel aus Frottee und die lapidaren Überwürfe aus Baumwolle waren mir zu einfach, ich wollte etwas Ausgefallenes, Elegantes. Da ich den Morgenmantel meiner Träume im Handel nicht finden konnte, habe ich mir ein Schnittmuster für einen Kimono gesucht und nachgeschneidert. Der Stoff: Viskose, weich fallend, blickdicht und mit einem schönen Muster, das mich an die Zwanziger Jahre erinnert.

Morgenmantel_The-Hour_02 Morgenmantel_The-Hour_01 Den Stein des Anstoßes gab dafür mal wieder The Hour. Die superbe Bel Rowley (Romola Garai) trägt darin einen leichten Morgenmantel, der ebenso große Kimonoärmel hat wie meiner jetzt. Das hat mir so gut gefallen, das ich etwas ähnliches haben wollte. Sehr schön ist in der Serie mal wieder die unterschiedliche Charakterzeichnung selbst in Morgenkleidung gelungen. Während Bel einen eleganten, edlen Mantel mit großem Blumenmuster trägt, der sie stilbewusst, weiblich und unabhängig wirken lässt, bekleidet sich Marnie Madden (Oona Chaplin) mit einem sehr mädchenhaften, in seiner kleinen Blumenmusterung fast kindlichen Morgenmantel, den sie hochgeschlossen trägt und der ihre regelkonforme Position in der Gesellschaft verdeutlicht. Selbst in dem zurückhaltenderen blauen Morgenmantel, den Bel später trägt, wirkt sie erwachsener als Marnie.

Morgenmantel_The-Hour_03Morgenmantel_The-Hour_04Morgenmantel_The-Hour_05 Morgenmantel_The-Hour_06Anleitung und Schnittmuster zu meinem Kimono habe ich bei Verflixt & Zugenäht gefunden. Für das Schnittmuster einfach Papier zusammenkleben und aufzeichnen, es sind nur wenige Linien mit der freien Hand zu ziehen. Ich habe an den Seiten noch zwei Schlaufen hinzugefügt, die den Gürtel halten. Den Stoff habe ich im Ausverkauf bei Habesa in Mainz gekauft. Die haben zwar nicht die tollsten Muster, aber eine große Auswahl, was Qualität und Stoffart angeht. Ran an die Nadel!

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Da draußen momentan mit blauem Himmel gegeizt wird, müssen wir es uns eben vor der blauen Leinwand gemütlich machen. Arte hat eine schöne Sammlung blauer Motive im Film zusammengestellt. Leider fehlt die Analyse, die hätte den Beitrag perfekt gemacht. Und sie haben den blauesten Film von allen vergessen: Derek Jarmans Blue (Großbritannien 1993), in dem sich der erblindende Regisseur mit seinem Leben, seinen Träumen und seiner AIDS-Erkrankung auseinandersetzt.

In den letzten Wochen habe ich mich wohl mit keinem Thema intensiver auseinandergesetzt als mit F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“ und seinen Verfilmungen. Jetzt kommt der neue Film in die Kinos und im Internet geht es hoch her. Eine kleine Netzschau und Selbsteinschätzung.

the-great-gatsby-movie_kleinIch habe das Buch um Silvester herum angefangen, in einer deutschen Übersetzung, die ich bei meinen Eltern gefunden hatte. Es war eine Erfahrung: Ich dachte, dass ein so berühmtes und hochgelobtes Buch doch nicht so langweilig sein kann, die Sprache so trocken, die Handlung öde, die Figuren platt. Also hörte ich auf zu lesen, kurz vor Schluss. Als dann klar war, dass ich für Zeit Online einen Text über den Film schreiben werde, nahm ich das Buch wieder zur Hand, diesmal das amerikanische Original. Und siehe da, es las sich besser, interessanter, sprachlich ausgefeilter. Und doch habe ich meine Probleme mit dem Begriff Meisterwerk. Ich gestehe der Geschichte ihre Stärken zu – für mich handelt sie von drei Dingen: von dem Versuch, nicht nach den Erwartungen anderer zu leben, von dem Wunsch, das eigene Leben zur Bühne für Träume und Wünsche zu machen und von der vorschnellen Verurteilung dieses Wunsches als oberflächlich und verschwenderisch, wenn man einen Menschen nur nach seiner Erscheinung und seinem Lebenswandel beurteilt. Und trotzdem finde ich sie doch genau so: oberflächlich. Ich kann keine Geschichte erkennen, die die Oberflächlichkeit vergnügungssüchtiger Wohlhabender spiegelt oder die Scheinheiligkeit der amerikanischen Oberschicht anprangert. Das steckt für mich nicht in diesem Buch und seiner knappen Sprache. Eigentlich passt die Erzählung auch nicht in die Form eines Romans, sondern gehört auf die Bühne. Mit ihrer zirkulären Struktur, die immer zu den gleichen Orten zurückkehrt, den skizzenhaft angerissenen Nebenfiguren, die kaum eine Rolle spielen, die Handlung aber im Hintergrund prägen, mit dem Pathos, der Liebesthematik, den einfachen Symbolen und dem sozialen Anspruch könnte es auch ein Theaterstück von Tennessee Williams sein (und dann ein gutes). Für einen wirklich meisterhaften Roman aber fehlt die reflexive Ebene, die emotionale Tiefe. Sie ist vielleicht in Nick Carraway angelegt, aber auch er beobachtet die Spaßgesellschaft mehr, als dass er sie kritisiert.

Gatsby---Zeit-OnlineJetzt also die neue Verfilmung von Baz Luhrman, an die große Erwartungen gestellt werden. Luhrman macht ein Kino der Performanz, der Oberfläche, aber ist er dabei oberflächlich? Ich denke nicht. Sein Film stellt neben dem ganzen Pomp und Pathos auch die scheinheilige Seite etwas stärker heraus. Und er trifft mit seiner Ästhetik den Kern des Romans: Er erzählt davon, wie sich Menschen einem attraktiven Neureichen zuwenden, der ihr Bedürfnis nach Glanz und Glamour befriedigt, und wie sie diesen Menschen genauso schnell wieder fallen lassen, wenn Glanz und Glamour vergangen sind. Eine schöne Parabel auf das Showgeschäft, dem auch Luhrmann angehört und das er immer wieder in seinen Filmen thematisiert. Leonardo DiCaprio ist super als Gatsby, er trifft das richtige Maß zwischen gelackter Freude und totaler Verzweiflung. 3D hat in diesem Film auch erstaunlich gut funktioniert, die künstliche Traumwelt, die Luhrman erschafft, kann sich mit ihren steilen Kamerfahrten und ineinander fließenden Bildern sehen lassen. Sogar der Text hat hier Platz, Nick Carraway – gespielt vom lange nicht mehr gesehenen und umso besseren Tobey Maguire – wird zum Schriftsteller, dessen Worte sich auf der Leinwand fortsetzen. Leider kann Carey Mulligan das große Manko des Romans auch im Film nicht ausräumen: Daisy ist und bleibt eine blöde Frauenfigur, unentschieden, schwach, als wäre sie eine märchenhafte Elfe, die am echten Leben scheitert. Das kann ich mir heutzutage einfach nicht mehr anschauen.

Das Siegel des Meisterwerks scheint an dem Roman zu kleben, man hört kaum Gegenteiliges über Fitzgeralds „größtes Werk“. Da hat es ein Film generell schwer, wenn er mit dem Label „Verfilmung“ daherkommt. Und besonders schwer scheint es Baz Luhrmans Film zu haben. Vom Posterboy auf Ecstasy ist bei Spiegel Online die Rede, Indiewire Playlist versammelt die fünf dümmsten Dinge des Films und die Süddeutsche sieht sich mit diesem Film gar auf die falsche Party verschlagen. Ein paar sehr interessante Texte, die weiter als reine Kritik gehen, finden sich bei The Atlantic zum Thema Kostüme, bei Flavorwire über die Darstellung von Ethnie und Klasse und bei Vulture über die Mängel des Romans. Weitere Kritiken zum Bespiel bei Variety und Little White Lies. Bis jetzt ist mir noch keine rein positive Rezension unterkommen und auf deutschen Blogs findet der Film bisher auch überhaupt nicht statt. Es bleibt spannend.