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Kleidungsstückwerk

Literaturprofessor und Autor Grady Tripp (Michael Douglas) ist mit seinem begabten, aber etwas verstörten Studenten James Leer (Tobey Maguire) in das Schlafzimmer seines Vorgesetzten eingedrungen. Aufbewahrt in einem Safe, neben Joe DiMaggios Baseball und Trikot, hängt dort wie ein Heiligtum ein Stück amerikanische Popkultur: Marilyns Jacke mit dem kleinen Pelzkragen, die sie zu ihrer Hochzeit mit den Baseballstar getragen hat. Kein Wunder, dass James, der alle Umstände amerikanischer Schauspielersuizide auswendig kennt, hingerissen ist. „Sie war zierlich. Die meisten Menschen wissen das gar nicht.“, sagt er, bevor er ehrfürchtig den feinen Stoff berührt und sogleich feststellt, dass Grady eine sehr gute Beziehung zu seinem Chef oder vielmehr dessen Frau haben muss, wenn er den Code zu ihrem Safe besitzt und einfach in ihr Schlafzimmer gehen darf. Damit trifft der Sonderling ins Schwarze, Grady weiß kaum noch, wie er seine Affäre geheimhalten soll.

Während Gradys Vorgesetzter ein Buch über Marilyns Ehe mit DiMaggio schreibt und dieses „Die letzte amerikanische Ehe“ nennen will, ist ihm entgangen, dass seine Frau eine Affäre hat und damit seine Vorstellung von Ehe auflöst. Und er hat auch nicht bemerkt, dass Marilyns Jacke, sein Symbol für die Besonderheit der amerikanischen Ehe, geklaut wurde. Nun trägt sie die junge Kellnerin Oola (Jane Adams), die gar nicht mustergültig mit einem verrückten Kneipenbesitzer zusammen ist und von ihm ein uneheliches Kind erwartet. Hinter der mit mythischen Jacke versteckt sich eine Wahrheit, die vielmehr mit der Lebensrealität der Menschen in Curtis Hansons Film Wonder Boys und auch mit der Marilyns zu tun hat, als es der Mythos zulassen will. Natürlich darf Oola die Jacke am Ende behälten, denn sie hat ebenso schmale Schultern wie Marilyn, nur dass es bei der Ikone niemand wusste.

Wonder Boys (USA 2000, Regie: Curtis Hanson, Kostümbild: Beatrix Aruna Pasztor)

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Aschenputtel reversed: Prinzessin Ann ist gelangweilt vom strengen Zeremoniell auf ihren Reisen ins Ausland, sie möchte endlich das richtige Leben kennenlernen. Also macht sie sich nachts durch Hotelfenster davon und wird auf der Straße vom Reporter Joe Bradley aufgelesen. Der soll eigentlich am nächsten Tag ein Interview mit ihr führen und weiß gar nicht, wen er da vor sich hat. Als es ihm klar wird, ist es schon fast zu spät: Ann hat sich aufgemacht, um über Roms Straßen und Märkte zu schlendern, sich immer mehr in eine junge Frau ohne höfischen Stand zu verwandeln und schließlich auch die Liebe zu finden.

Leichtfüßig und zugleich sehr symbolisch erzählt William Wylers Komödie die Geschichte einer umgedrehten Verwandlung und entzaubert damit den Märchenmythos: Aus der eingeengten Prinzessin wird für eine gewisse Zeit eine freie junge Frau. Die klassische Grundkonstellation – armes Mädchen steigt in die höfische Gesellschaft auf und ist damit alle Sorgen los – zeigt sich ins Gegenteil verkehrt. Das Prinzessinendasein steht hier für die Welt, der man entfliehen will. Die hohen Absätze werden gegen bequeme, flache Schuhe eingetauscht, das steife Spitzenkleid durch eine schlichte Bluse und Rock ersetzt und die langen, schwierig zu pflegenden Haare zu einem kessen Kurzhaarschnitt umfrisiert. Am Ende, als Ann sich wieder in die Welt des Hofes begeben muss, wird ihre Kleidung strenger, formender und verhüllender, sodass sie die kurzen Haare unter einem Hut verstecken muss, der offensichtlich auch ihren freien Geist zügeln soll. Was ihm nicht ganz gelingt…

Roman Holiday (Ein Herz und eine Krone, USA 1953, Regie: William Wyler, Kostümbild: Edith Head)

Rot ist nicht nur irgendeine Farbe. Rot kann viel bewirken: Angst machen, Aggressionen hervorrufen oder Leidenschaften. Rot kann aus einem einfachen Mädchen eine Dame machen, wie es Anni Pavlovitch in Dorothy Arzners Film Die Braut trug Rot aus dem Jahr 1937, passiert. Joan Crawford trägt in dem Schwarzweißfilm ein rotes Kleid, das sie von der Barsängerin zum Mitglied der feinen Gesellschaft werden lässt. Aber ist die Metamorphose wirklich so einfach?

Rot kann auch auf dem Weg zur letzten Prüfung, die mir bevorsteht, hoffentlich für zusätzliche Energie sorgen. Mit Hinblick auf den Lernmarathon soll mich ab jetzt beim Transport von Laptop, Büchern und gefühlten 1000 Seiten Kopien eine Tasche von Frau Lili unterstützen. Das junge Label aus Berlin fertigt schöne Taschen und Accessoires aus Kalbs- und Rindsleder. Die Formen sind schlicht, die Farben dafür umso kräftiger. Mit der Prüfung kann jetzt eigentlich nichts mehr schief gehen, und falls doch, kann ich immerhin sagen: „Ich habe Rot getragen!“ Und hoffen, dass aus mir doch noch was wird!

Gitti und Chris machen Urlaub, doch anstatt fern vom Alltag abzuschalten, schlagen die sonst unterdrückten Gedanken hier mit voller Wucht zu. Was, wenn ich ihr nicht männlich genug bin. Was, wenn zu ihm eine Andere viel besser passen würde. Bei den anderen Paaren klappt es doch auch so gut mit der Rollenverteilung. Und dann ist da noch dieser weiße Raum voller kleiner Glasfiguren in ihrem Ferienhaus, dem Sommerdomizil von Chris‘ Mutter.

Immer noch der beste Befindlichkeitsfilm der letzten Jahre und eine große schauspielerische Leistung der beiden Hauptdarsteller. In der Kleidung von Birgit Minichmayrs Figur spiegeln sich zwei Sehnsüchte, eine nach Zugehörigkeit, nach Anpassung und Geborgenheit, und eine nach rebellischem Anderssein, nach Verkleidung und Maskerade. Spießig im braunen Sommerkleid und ungleich unangepasster im gelben Kostüm, das einmal Chris‘ Mutter gehörte.

Alle Anderen (Deutschland 2009, Regie: Maren Ade, Kostümbild: Gitti Fuchs)

Stimmgewaltig kann Sunny sich in ihrer Band behaupten, mit der sie durch Dörfer und Kleinstädte tingelt. Auf der Bühne ist sie ein Star, stark und eindrucksvoll. Abseits davon muss sie sich gegen ihre aufdringlichen Bandkollegen wehren, sagt aber weiterhin frei heraus, was sie will: Anerkennung und Liebe. Die glaubt sie in Ralph gefunden zu haben, doch er erwidert ihre Gefühle nicht. Enttäuscht kommt Sunny vom Weg ab.

Die Kostüme von Renate Krößner verdeutlichen die zwei Seiten, auf denen sich Sunny befindet: himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt. In einem Moment gibt es in ihrem Leben soviel Kraft und Mut, im nächsten nur Hoffnungslosigkeit und Angst. Für ihre schauspielerische Leistung zwischen Lachen und Weinen erhielt sie 1980 den Silbernen Bären auf der Berlinale.

Solo Sunny (1980, Regie: Konrad Wolf)

Anna hat alles was sie sich wünscht: einen erfolgreichen Job, eine wohlhabende Familie, einen hingebungsvollen Freund. Sie will ihn heiraten, doch eines Tages steht ein zehnjähriger Junge in ihrer Wohnung und gibt vor, Annas vor einigen Jahren verstorbener erster Ehemann zu sein. Anna ist gleichermaßen verstört und fasziniert. Sie beginnt sich mit dem Jungen zu beschäftigen, sehr zum Leidwesen ihres Verlobten.

Nicole Kidman verschwindet als adrette Anna fast in der Umgebung, in der sie sich aufhält. Klassisch elegant passt sie perfekt in die gehobene New Yorker Gesellschaft, die irritiert auf jede außergewöhnliche Begebenheit in ihrem Leben reagiert. Die Strenge der Kostüme zwängt Anna in eine Rolle, die sich mehr und mehr auflöst. Auch das kurze Haar ist auffällig, es lässt sie androgyn wirken und verwischt alles Eindeutige: Frau oder doch noch Mädchen, heiraten oder erst herausfinden, ob der Junge vielleicht wirklich ihr Mann sein könnte, sich der Familie beugen oder doch eigene Entscheidungen treffen?

Birth (2004, Regie: Jonathan Glazer. Kostümbild: John A. Dunn)

Manchmal frage ich mich schon, wohin der gute alte Stil abhanden gekommen ist. Gäbe es ein Substantiv zu adrett, so würde ich es hier als Beschreibung einer gewissen Eleganz vermissen. Adretta wäre vielleicht eine Möglichkeit. Nun ist das aber leider eine Kartoffelsorte und damit soweit von Eleganz entfernt wie Mainz vom Meer. Das sollte jedoch kein Grund sein, sich des Stils zu verweigern, der einen Menschen vom Einfachen zum Besonderen erheben kann. Vor allem Mann könnte des Öfteren zum Hemd statt zum T-Shirt greifen. Einige meiner männlichen Freunde tun dies zwar, doch vermisse ich immer noch ein Detail, das dem Hemd endgültig die Eleganz früherer Tage verleiht, als man sich noch schick gemacht hat, wenn man das Haus verließ: Manschettenknöpfe! Heute kein Trend mehr, dabei besitzen sie als kleine Schmuckstücke am Ärmel gerade die Eigenschaften, die ein guter Trend so haben muss: Nicht zu schnelllebig in ihrer Form, sind sie doch abwechslungsreich in Gestaltung und Farbe, sodass es nicht langweilig wird und man mit ihnen das Hemd individuell ergänzen kann. Apropos individuell: Je nach Wahl des Manschettenknopfes kann man sich in eine bestimmte Haltung begeben. Von meinem Großvater habe ich drei sehr hübsche Paar Manschettenknöpfe geerbt, deren Ausdruck ihrem Träger gleich eine ganz neue Aura geben.

Der Player

Der Tiger

Der Mann mit dem blauen Auge

Bei H&M hat es vor einigen Jahren einmal Manschettenknöpfe mit einem Mops drauf gegeben. Damit wären wir wieder bei der Eleganz einer Kartoffel angelangt. Ich hätte sie trotzdem getragen.