2015 – Ein Gleichstellungsjahresrückblick

Was wurde dieses Jahr wieder an den Körpern der Frauen herumreguliert, ihre Arbeit beurteilt und kritisiert, ihre Verteidigung gegen Gewalt als unwichtig abgetan oder sie gleich als Opfer diffamiert. Ein paar Schlaglichter (darunter auch positive) der Gleichstellung im letzten Jahr in diesem Lande. Es hat mich so beschäftigt, dass der Blog kurz aus seinem Winterschlaf erweckt wird.

Dieser Rückblick ist inspiriert durch die Kolumne Everyday Sexism im Guardian und dessen Jahresrückblick.

Januar:

Es ist geschafft: Das Gesundheitsministerium verkündet offiziell, dass die Pille danach bald ohne Rezept in Apotheken erhältlich sein wird! Dass Frauen natürlich nicht so doof sind, die Dinger wie Smarties zu schlucken, war leider nicht so überzeugend wie der Beschluss der EU-Kommission, die Abgabe der Pille für alle Mitgliedsländer verbindlich zu regeln.

Gerade in Krisen brauchen wir Diskussionen und Lösungsansätze. In seinem YouTube-Kanal nimmt sich Tarik der Genderkrise an und packt in kleinen Gesprächen große Themen an.

Februar:

An anderer Stelle hinkt Deutschland der EU-Konvention noch hinterher: Schon seit Jahren wird eine Reform des Paragrafen 177 des Strafgesetzbuches in die Richtung gefordert, dass er eindeutig sexuelle Handlungen ohne Einvernehmen unter Strafe stellt. Verfassungsrichter Thomas Fischer war bei einer Anhörung des Ausschusses zur Reform des Paragrafen anwesend und ließ seinem Unmut über das Nichtwissen der Beteiligten in seiner Zeit-Kolumne freien Lauf. Lesenswerte Reaktionen gab es daraufhin von Renate Künast, der Mädchenmannschaft und dem Verfassungsblog.

März:

Antifeministin Birgit Kelle – ihrerseits erfolgreiche Buchautorin und als solche auch von den Errungenschaften des Feminismus profitierend – sieht im Gendermainstreaming eine neue ideologische Bedrohung für unser Land. Frank Plasberg moderiert eine hart aber fair-Ausgabe zum von ihm so titulierten Thema „Genderwahn“, der WDR zieht die Ausgabe nach Protesten von Frauenverbänden zurück und produziert im September eine Neuauflage. Christian Bangel bringt in der Zeit pointiert auf den Punkt, was das Problem an der Argumentation von Kelle und Konsorten ist.

Und auch Tilo Jung hat sich zum Weltfrauentag am 8.3. etwas genz besonderes einfallen lassen: Er postet auf Instagram eine Bilderserie, auf der eine Frau am Strand von einem Mann in den Rücken getreten wird und daraufhin hinfällt. Damit hat sich Jung endgültig aus den Krautreportern im Besonderen und dem Kreis der Journalisten (wenn er denn überhaupt jemals zu diesem Berufsstand zählte) rausgekegelt.

April:

Ein Aufschrei geht durch das mediale Feuilleton, zu recht: Ronja von Rönne schreibt einen Abgesang auf den Feminismus und sein Bestreben nach Gleichberechtigung, der sich gewaschen hat. Nicht nur zeugt der Artikel von Unkenntnis der Bewegung und diffamiert Unterprivilegierte, wie es nur Privilegierte tun, er reiht sich auch in eine Serie aus gleich vier Artikeln in der Welt ein, die sich anschicken, den modernen Feminismus zu betrachten. Dabei konnte man dem Binnenpluralismus wohl nicht zusprechen, denn alle Artikel sind entweder ablehnend oder gleichgültig gegenüber der Gleichstellung aller Menschen, selbst die, die von sich behaupten, den Feminismus zu befürworten. Arme Welt.

Juni:

Im Prozess um den gewaltsamen Tod von Tuğçe Albayrak wird der Täter wegen Körperverletzung mit Todesfolge zu drei Jahren Jugendstrafe verurteilt. Die Journalistin Hilal Sezgin hat sich die Berichterstattung über das Opfer angesehen und herausgestellt, wie man der jungen Frau die Schuld zuschiebt.

Juli:

Bild-Kolumnist Franz Josef Wagner hat erkannt, warum in Deutschland so wenige Kinder geboren werden: Die Mütter sind schuld, sie trinken Smoothies, tragen Hosenanzüge und sitzen in Chefredaktionen. Im Interview mit der Welt bekommt man noch mal einen schönen Einblick in sein Frauenbild.

September:

Die ARD hat sich dazu entschlossen, die Frauenquote bei der Regie vom Tatort zu erhöhen. Auf 20%! Na dann können wir uns ja jetzt wieder beruhigt mit den wirklich wichtigen Sachen beschäftigen, schließlich haben wir ja etwas getan, etwas in Bewegung gesetzt, nicht wahr!?

November:

Beate Zschäpe sagt endlich im NSU-Prozess aus – und will von allem nichts gewusst haben. Mehr noch, sie war unterwürfig, unmündig und hat zum Sekt gegriffen, wenn die beiden Uwes von ihren Taten prahlten. „Mädchen in deutscher Tradition“ titelt die Tagesschau.

Auf dem DJV-Jahrestreffen werden zwei Journalistinnen von den männlichen Kollegen belächelt und schreiben darüber. Wer also glaubte, dass es Sexismus unter engagierten Journalisten nicht mehr gäbe, der hat hier den Beweis, dass dem nicht so ist.

Dezember:

Der Prozess Rohrer gg. Bayer beginnt. Felicitas Rohrer verklagt den Pharmakonzern auf Schmerzensgeld, weil sie nach der Einnahme der Antibabypille Yaz eine Lungenembolie erlitt und das Unternehmen damals nicht auf das stark erhöhte Risiko im Beipackzettel hingewiesen hat. Aber es geht noch um viel mehr. Es geht um die Macht von Industriekonzernen, was sie verschweigen, wie sie die Wahrnehmung von Körper und Gesundheit von Menschen und hier insbesondere von Frauen steuern. Denn die Pille wurde und wird als Lifestyleprodukt vertrieben und nicht als das, was sie ist. Das Risiko wird heruntergespielt. Mutig, sich zu wehren.

Und zum Abschluss des Jahres gab es noch die schöne Meldung, dass die mutige, Haltung beweisende Anja Reschke als Journalistin des Jahres ausgezeichnet wird. Herzlichen Glückwunsch!

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