Gatsby? Welcher Gatsby?

In den letzten Wochen habe ich mich wohl mit keinem Thema intensiver auseinandergesetzt als mit F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“ und seinen Verfilmungen. Jetzt kommt der neue Film in die Kinos und im Internet geht es hoch her. Eine kleine Netzschau und Selbsteinschätzung.

the-great-gatsby-movie_kleinIch habe das Buch um Silvester herum angefangen, in einer deutschen Übersetzung, die ich bei meinen Eltern gefunden hatte. Es war eine Erfahrung: Ich dachte, dass ein so berühmtes und hochgelobtes Buch doch nicht so langweilig sein kann, die Sprache so trocken, die Handlung öde, die Figuren platt. Also hörte ich auf zu lesen, kurz vor Schluss. Als dann klar war, dass ich für Zeit Online einen Text über den Film schreiben werde, nahm ich das Buch wieder zur Hand, diesmal das amerikanische Original. Und siehe da, es las sich besser, interessanter, sprachlich ausgefeilter. Und doch habe ich meine Probleme mit dem Begriff Meisterwerk. Ich gestehe der Geschichte ihre Stärken zu – für mich handelt sie von drei Dingen: von dem Versuch, nicht nach den Erwartungen anderer zu leben, von dem Wunsch, das eigene Leben zur Bühne für Träume und Wünsche zu machen und von der vorschnellen Verurteilung dieses Wunsches als oberflächlich und verschwenderisch, wenn man einen Menschen nur nach seiner Erscheinung und seinem Lebenswandel beurteilt. Und trotzdem finde ich sie doch genau so: oberflächlich. Ich kann keine Geschichte erkennen, die die Oberflächlichkeit vergnügungssüchtiger Wohlhabender spiegelt oder die Scheinheiligkeit der amerikanischen Oberschicht anprangert. Das steckt für mich nicht in diesem Buch und seiner knappen Sprache. Eigentlich passt die Erzählung auch nicht in die Form eines Romans, sondern gehört auf die Bühne. Mit ihrer zirkulären Struktur, die immer zu den gleichen Orten zurückkehrt, den skizzenhaft angerissenen Nebenfiguren, die kaum eine Rolle spielen, die Handlung aber im Hintergrund prägen, mit dem Pathos, der Liebesthematik, den einfachen Symbolen und dem sozialen Anspruch könnte es auch ein Theaterstück von Tennessee Williams sein (und dann ein gutes). Für einen wirklich meisterhaften Roman aber fehlt die reflexive Ebene, die emotionale Tiefe. Sie ist vielleicht in Nick Carraway angelegt, aber auch er beobachtet die Spaßgesellschaft mehr, als dass er sie kritisiert.

Gatsby---Zeit-OnlineJetzt also die neue Verfilmung von Baz Luhrman, an die große Erwartungen gestellt werden. Luhrman macht ein Kino der Performanz, der Oberfläche, aber ist er dabei oberflächlich? Ich denke nicht. Sein Film stellt neben dem ganzen Pomp und Pathos auch die scheinheilige Seite etwas stärker heraus. Und er trifft mit seiner Ästhetik den Kern des Romans: Er erzählt davon, wie sich Menschen einem attraktiven Neureichen zuwenden, der ihr Bedürfnis nach Glanz und Glamour befriedigt, und wie sie diesen Menschen genauso schnell wieder fallen lassen, wenn Glanz und Glamour vergangen sind. Eine schöne Parabel auf das Showgeschäft, dem auch Luhrmann angehört und das er immer wieder in seinen Filmen thematisiert. Leonardo DiCaprio ist super als Gatsby, er trifft das richtige Maß zwischen gelackter Freude und totaler Verzweiflung. 3D hat in diesem Film auch erstaunlich gut funktioniert, die künstliche Traumwelt, die Luhrman erschafft, kann sich mit ihren steilen Kamerfahrten und ineinander fließenden Bildern sehen lassen. Sogar der Text hat hier Platz, Nick Carraway – gespielt vom lange nicht mehr gesehenen und umso besseren Tobey Maguire – wird zum Schriftsteller, dessen Worte sich auf der Leinwand fortsetzen. Leider kann Carey Mulligan das große Manko des Romans auch im Film nicht ausräumen: Daisy ist und bleibt eine blöde Frauenfigur, unentschieden, schwach, als wäre sie eine märchenhafte Elfe, die am echten Leben scheitert. Das kann ich mir heutzutage einfach nicht mehr anschauen.

Das Siegel des Meisterwerks scheint an dem Roman zu kleben, man hört kaum Gegenteiliges über Fitzgeralds „größtes Werk“. Da hat es ein Film generell schwer, wenn er mit dem Label „Verfilmung“ daherkommt. Und besonders schwer scheint es Baz Luhrmans Film zu haben. Vom Posterboy auf Ecstasy ist bei Spiegel Online die Rede, Indiewire Playlist versammelt die fünf dümmsten Dinge des Films und die Süddeutsche sieht sich mit diesem Film gar auf die falsche Party verschlagen. Ein paar sehr interessante Texte, die weiter als reine Kritik gehen, finden sich bei The Atlantic zum Thema Kostüme, bei Flavorwire über die Darstellung von Ethnie und Klasse und bei Vulture über die Mängel des Romans. Weitere Kritiken zum Bespiel bei Variety und Little White Lies. Bis jetzt ist mir noch keine rein positive Rezension unterkommen und auf deutschen Blogs findet der Film bisher auch überhaupt nicht statt. Es bleibt spannend.

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