Archiv

Archiv für den Monat Mai 2013

Da draußen momentan mit blauem Himmel gegeizt wird, müssen wir es uns eben vor der blauen Leinwand gemütlich machen. Arte hat eine schöne Sammlung blauer Motive im Film zusammengestellt. Leider fehlt die Analyse, die hätte den Beitrag perfekt gemacht. Und sie haben den blauesten Film von allen vergessen: Derek Jarmans Blue (Großbritannien 1993), in dem sich der erblindende Regisseur mit seinem Leben, seinen Träumen und seiner AIDS-Erkrankung auseinandersetzt.

In den letzten Wochen habe ich mich wohl mit keinem Thema intensiver auseinandergesetzt als mit F. Scott Fitzgeralds Roman „The Great Gatsby“ und seinen Verfilmungen. Jetzt kommt der neue Film in die Kinos und im Internet geht es hoch her. Eine kleine Netzschau und Selbsteinschätzung.

the-great-gatsby-movie_kleinIch habe das Buch um Silvester herum angefangen, in einer deutschen Übersetzung, die ich bei meinen Eltern gefunden hatte. Es war eine Erfahrung: Ich dachte, dass ein so berühmtes und hochgelobtes Buch doch nicht so langweilig sein kann, die Sprache so trocken, die Handlung öde, die Figuren platt. Also hörte ich auf zu lesen, kurz vor Schluss. Als dann klar war, dass ich für Zeit Online einen Text über den Film schreiben werde, nahm ich das Buch wieder zur Hand, diesmal das amerikanische Original. Und siehe da, es las sich besser, interessanter, sprachlich ausgefeilter. Und doch habe ich meine Probleme mit dem Begriff Meisterwerk. Ich gestehe der Geschichte ihre Stärken zu – für mich handelt sie von drei Dingen: von dem Versuch, nicht nach den Erwartungen anderer zu leben, von dem Wunsch, das eigene Leben zur Bühne für Träume und Wünsche zu machen und von der vorschnellen Verurteilung dieses Wunsches als oberflächlich und verschwenderisch, wenn man einen Menschen nur nach seiner Erscheinung und seinem Lebenswandel beurteilt. Und trotzdem finde ich sie doch genau so: oberflächlich. Ich kann keine Geschichte erkennen, die die Oberflächlichkeit vergnügungssüchtiger Wohlhabender spiegelt oder die Scheinheiligkeit der amerikanischen Oberschicht anprangert. Das steckt für mich nicht in diesem Buch und seiner knappen Sprache. Eigentlich passt die Erzählung auch nicht in die Form eines Romans, sondern gehört auf die Bühne. Mit ihrer zirkulären Struktur, die immer zu den gleichen Orten zurückkehrt, den skizzenhaft angerissenen Nebenfiguren, die kaum eine Rolle spielen, die Handlung aber im Hintergrund prägen, mit dem Pathos, der Liebesthematik, den einfachen Symbolen und dem sozialen Anspruch könnte es auch ein Theaterstück von Tennessee Williams sein (und dann ein gutes). Für einen wirklich meisterhaften Roman aber fehlt die reflexive Ebene, die emotionale Tiefe. Sie ist vielleicht in Nick Carraway angelegt, aber auch er beobachtet die Spaßgesellschaft mehr, als dass er sie kritisiert.

Gatsby---Zeit-OnlineJetzt also die neue Verfilmung von Baz Luhrman, an die große Erwartungen gestellt werden. Luhrman macht ein Kino der Performanz, der Oberfläche, aber ist er dabei oberflächlich? Ich denke nicht. Sein Film stellt neben dem ganzen Pomp und Pathos auch die scheinheilige Seite etwas stärker heraus. Und er trifft mit seiner Ästhetik den Kern des Romans: Er erzählt davon, wie sich Menschen einem attraktiven Neureichen zuwenden, der ihr Bedürfnis nach Glanz und Glamour befriedigt, und wie sie diesen Menschen genauso schnell wieder fallen lassen, wenn Glanz und Glamour vergangen sind. Eine schöne Parabel auf das Showgeschäft, dem auch Luhrmann angehört und das er immer wieder in seinen Filmen thematisiert. Leonardo DiCaprio ist super als Gatsby, er trifft das richtige Maß zwischen gelackter Freude und totaler Verzweiflung. 3D hat in diesem Film auch erstaunlich gut funktioniert, die künstliche Traumwelt, die Luhrman erschafft, kann sich mit ihren steilen Kamerfahrten und ineinander fließenden Bildern sehen lassen. Sogar der Text hat hier Platz, Nick Carraway – gespielt vom lange nicht mehr gesehenen und umso besseren Tobey Maguire – wird zum Schriftsteller, dessen Worte sich auf der Leinwand fortsetzen. Leider kann Carey Mulligan das große Manko des Romans auch im Film nicht ausräumen: Daisy ist und bleibt eine blöde Frauenfigur, unentschieden, schwach, als wäre sie eine märchenhafte Elfe, die am echten Leben scheitert. Das kann ich mir heutzutage einfach nicht mehr anschauen.

Das Siegel des Meisterwerks scheint an dem Roman zu kleben, man hört kaum Gegenteiliges über Fitzgeralds „größtes Werk“. Da hat es ein Film generell schwer, wenn er mit dem Label „Verfilmung“ daherkommt. Und besonders schwer scheint es Baz Luhrmans Film zu haben. Vom Posterboy auf Ecstasy ist bei Spiegel Online die Rede, Indiewire Playlist versammelt die fünf dümmsten Dinge des Films und die Süddeutsche sieht sich mit diesem Film gar auf die falsche Party verschlagen. Ein paar sehr interessante Texte, die weiter als reine Kritik gehen, finden sich bei The Atlantic zum Thema Kostüme, bei Flavorwire über die Darstellung von Ethnie und Klasse und bei Vulture über die Mängel des Romans. Weitere Kritiken zum Bespiel bei Variety und Little White Lies. Bis jetzt ist mir noch keine rein positive Rezension unterkommen und auf deutschen Blogs findet der Film bisher auch überhaupt nicht statt. Es bleibt spannend.

Zweimal Kino diese Woche, keine schlechte Bilanz. Das eine war ein guter Film zum Abschluss eines Feiertags, der trotzdem eines politischen Themas nicht entbehrte, das andere der perfekte Feierabendfilm für den Freitagabend, den ich vor allem wegen Benedict Cumberbatch und der schönen Erinnerung an den Schottlandurlaub vor vier Jahren schaute, als ich mit Jenny und Eva im ersten Teil der neuen Star Trek-Serie war.

„No!“ fand ich alles in allem im positiven Sinne verwirrend. Der Videolook, der sich ästhetisch ans Fernsehen und an die späten 80er Jahre anlehnt, die Originalaufnahmen, die den Film in die Nähe des Dokumentarischen rücken und die elliptische und gleichzeitig undistanzierte Erzählführung, die nah an die Figuren herangeht, ohne zuviel von ihnen preis zu geben, machten es mir manchmal schwer, der Handlung zu folgen. Unterhaltsam ist der Film, wenn auch etwas unklar darin, wovon er jetzt eigentlich erzählen will: Von der Kampagne, die Pinochet im Referendum in Chile stürtzte, das ist klar, aber am Ende wird das historische Ergebnis eben für sich stehen gelassen. Die Fiktion des Films zieht daraus keinen Antrieb mehr, nimmt die Spannung raus und entlässt ihren Helden schließlich ohne ein Lächeln wieder in seinen alten Job. Was hat sich verändert nach Pinochet? Anscheind nichts. Das fand ich dann auch wieder verwirrend.

Ich bin kein Trekkie, kenne mich nicht in diesem Universum aus und kann daher auch nicht mit dem Blick eines Fans agumentieren, also gehe ich einfach mit dem Blick eines begeisterungsfähigen Filmfreundes an „Star Trek Into Darkness“. Wie schon erwähnt, ein Auslöser den Film zu sehen war auf jeden Fall Benedict Cumberbatch, den ich zurzeit als meinen Lieblingsschauspieler bezeichnen würde. Der Rest der Besetzung ist auch nicht schlecht (super: Zachary Quinto, Simon Pegg und Anton Yelchin, gut: Chris Pine, Karl Urban und John Cho, zum Davonlaufen: Zoe Saldana und Alice Eve). Aber irgendwie sind die Charaktere dieser Schauspieler jetzt eingeführt, gefestigt und halten im neuen Film wenig Überraschungen bereit. Und die Frauenrollen hätte man hier eigentlich komplett rausstreichen können, damit wenigstens ihre Redundanz vermieden wird. Cumberbatch als Khan mischt den etwas zu routiniert inszenierten Laden namens Enterprise auf, aber eine wirklich spannende Geschichte kann daraus irgendwie auch nicht entstehen. Als ich auf die Frage eines Fans, wie ich den Film fand, mit „lustig“ antwortete, meinte er: Na, das hätte ich in dem Zusammenhang nicht erwartet. Und trotzdem: Es war wieder lustig.

No! (Chile/Frankreich/USA 2012, Regie: Pablo Larraín, Drehbuch: Pedro Peirano, Kamera: Sergio Armstrong, Schnitt: Andrea Chignoli, Musik: Carlos Cabezas)

Star Trek Into Darkness (USA 2013, Regie: J.J. Abrams, Drehbuch: Roberto Orci, Alex Kurtzman, Damon Lindelof, Kamera: Daniel Mindel, Schnitt: Maryann Brandon, Mary Jo Markey, Musik: Michael Giacchino)