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Archiv für den Monat März 2013

Was soll das eigentlich für ein Film sein? Ich weiß nicht mehr, wann ich mir diese Frage zum ersten Mal gestellt habe, während ich Hai-Alarm im Müggelsee sah. Eines muss ich vorwegnehmen: Ich komme selbst aus dem Berliner Bezirk Köpenick (offiziell Treptow-Köpenick), zwar nicht aus Friedrichshagen, aber weit weg ist das von uns Zentralköpenickern schließlich nicht. Köpenick ist ein seltsamer Bezirk, der unsichtbarste Bezirk Berlins würde ich sagen, weil er selten Erwähnung findet, dabei gibt es eine Menge Attraktionen: den Hauptman, die größte Bezirksfläche, den größten See, die wenigsten Einwohner, die schönste Open-Air-Bühne, den meisten Wald, die höchste natürliche Erhebung der Stadt, bis vor drei Jahren auch noch die älteste Brauerei.

Und dann dieses nicht gerade bekanntheitsfördernde Erzeugnis: Ein Film über Friedrichshagen, der eigentlich nur für Friedrichshagener ist. So jedenfalls würde ich es verstehen, obwohl ich natürlich den Blick von außen gar nicht bieten kann. Ich verstehe die Referenz auf Wolfgang Lippert, den reichen Mann von Friedrichshagen, der das Kino Union kaufte und verfallen ließ, im Film herrlich dargestellt von Benno Fürmann. Ich verstehe auch die Anspielung auf das Maulbeerblatt, eine feine Zeitschrift, die bei der filmischen Pressekonferenz zwischen all den hochtrabenden Medienvertretern etwas deplaziert wirkt. Auch der Bezug auf die Ortsteile in Köpenick und ihre im Film dargestellten Rivalitäten sind für mich klar oder das schäumende Berliner Bürgerbräu, das die Schaumschlägerei des Berliner Biermarktes symbolisiert. Mich hat das alles amüsiert.

Aber wie funktioniert der Film für Nichtfriedrichshagener, für Nichtberliner? Warum den Film deutschlandweit ins Kino bringen? Klar, Leander Haußmann ist kein unbekannter Regisseur. Aber man kann leider nicht unbedingt behaupten, dass Hai-Alarm am Müggelsee ein gelungener Film ist. Ihm fehlt Timing, das Gefühl für Pointen, eine spannende Dramaturgie und irgendwie allein der Wille, ein gelungener Film zu sein. Insgesamt ist er eine Klamotte, ein Egotrip, eine Farce mit schlechtem Schauspiel von guten Schauspielern. Unterhalten hat er mich mit seiner Absurdität trotzdem. Wodurch sich der Film aber für andere Zuschauer erschließen könnte? Durch seinen satirischen Charakter auf das Städtemarketing und durch die tolle Musik von Sven Regener vielleicht. Immerhin war es im Kino in Mainz nicht ganz leer (wer weiß wie lange noch) . Bleibt zu hoffen, dass sich niemand davon abschrecken lässt, mal das schöne Köpenick zu besuchen und im Müggelsee baden zu gehen.

Hai-Alarm im Müggelsee (Deutschland 2013, Regie/Drehbuch: Leander Haußmann, Sven Regener, Kamera: Jana Marsik, Schnitt: Christoph Brunner, Musik: Leander Haußmann, Sven Regener, Produktion: Müggelfilm / X Filme Creative Pool)

Reinhard Lakomy ist wirklich der Held meiner Kindheit! Nicodemus vom Wolkenstein, Schlapps und Schlumbo, Springinkel, Moosmutzel und Waldwuffel oder Mimmelitt das Stadtkaninchen, das sind die schönen Figuren aus seinen Geschichtenliedern, den Kinderhörspielen, die der Musiker zusammen mit seiner Frau Monika Erhardt produzierte. Lakomy aber war generationenübergreifend, einer der einflussreichsten und eigensinnigsten Künstler der DDR und der Nachwendezeit. Er kam aus dem Jazz, war Liedermacher und Pianist, komponierte elektronische Musik und die fantastischen Geschichtenlieder, die ich auch heute noch liebe und immer wieder hören kann. In nächster Zeit werde ich sie wieder öfter hören, denn gestern ist Reinhard Lakomy im Alter von 67 Jahren an Lungenkrebs gestorben, der erst vor sechs Wochen bei ihm festgestellt wurde.

der-wolkenstein_klein der-traumzauberbaum_klein schlapps-und-schlumbo_kleinHätte ich nicht zufällg mit meinen Eltern, die gerade zu Besuch waren, die Nachrichten beim rbb geschaut, ich hätte die Meldung wahrscheinlich erst über die „Kürzlich verstorben“-Rubrik bei Wikipedia mitbekommen. Kein Beitrag dazu in der Tagesschau, ein liebloser Nachruf bei Süddeutsche.de, immerhin ein schöner Text auf ZeitOnline. Lakomy aber war groß, er war wichtig, er war der Held von Millionen von Kindern und jungen Menschen in der DDR, die heute im wiedervereinigten Deutschland leben und dort die Idole ihrer Jugend nicht wiederfinden. Wie soll man jemals ankommen, wenn die Bedeutung – für die Medienpräsenz als Gradmesser genommen werden kann – der eigenen Erfahrungsswelt wieder auf eine Teilgesellschaft reduziert bleibt? Man könnte sagen, dass Lakomy für die Kinder des Ostens das war, was Otfried Preußler für die des Westens verkörperte. Sollte man ihn dann nicht auch entsprechend würdigen?

Was mir durch meinen Post zum Weltfrauentag aufgefallen ist: Die meisten Frauen, die wir in Kunst und Medien als „besonders“ und „irgendwie anders“ im positiven Sinne betrachten, sind vor allem eines: androgyn und schmal. Ihnen wird die Aura des Ätherischen, Charismatischen und Aparten zugeschrieben, was sich auch in ihren Rollen niederschlägt: Sie spielen Elbenköniginnen, zwischen den Geschlechtern wechselnde Figuren, sind Punkerinnen, selbstbestimme Frauen mit viel Selbstbewusstsein. Immer noch sind die sehr weiblichen, runden, fülligen Frauen im Showgeschäft klar in der Minderheit. Höchstens im Alter ist das ein oder andere Pfund mehr erlaubt, siehe Catherine Deneuve, Meryl Streep oder Judi Dench. Aber das wird schließlich auch als die normale Entwicklung des Körpers empfunden und akzeptiert. Manchmal mag ich Isabella Rosselini oder Hanna Schygulla deswegen aber viel lieber auf der Leinwand sehen als eine Schauspielerin, deren Körper mir gar nichts erzählt.

Leider erzählt der Körper der wenigen runden Schauspielerinnen und Sängerinnen vor allem immer noch eines: dass sie eher ungewollt anders sind und sich dafür rechtfertigen, wenn nicht gar entschuldigen müssen. Warum spielt Rebel Wilson in Bachelorette die Braut, die im Film allerdings nur in gefühlten fünfzehn Minuten vorkommt? Das verkorkste Leben ihrer hübsch-falschen Freundinnen ist wohl spannender – leider nicht. Warum meckert Karl Lagerfeld über Adeles Pfunde, wenn er Beth Ditto in den Himmel lobt? Inkonsequent und vor allem launig. Warum nehmen tolle Frauen wie Jennifer Hudson oder Catherine Zeta-Jones ab, wenn Hollywood es will? Gute Rollen haben sie auch vorher schon verkörpert. Ansätze für so einen normalen Umgang mit dem (konstruiert negativen) Anderssein findet man tatsächlich in Girls, das ich ja leider ansonsten nicht so gelungen finde. Super ist, dass Lena Dunham ihren Körper ganz selbstverständlich als Teil ihrer Kunst einsetzt, wie andere – schlankere – Frauen es auch tun. Sie zeigt ihn gern, ohne den Gedanken, wer was wie an ihm schön finden könnte, denn das hat letztlich nur sie selbst zu bestimmen. Doch abgesehen davon verschenkt die Serie viel von der Kritik, die sie an der Situation junger Frauen in der heutigen Welt üben könnte. Sie thematisiert nicht, dass sich Frauen immer noch zurückhalten und nicht ihrem eigenen Urteil vertrauen, wenn sie einen Rat bekommen, obwohl sie es besser gewusst hätten. Und die Serie verurteilt auch nicht den selbstverliebten Freund, der Hanna die Schuld am Scheitern der Beziehung gibt anstatt ihr zuzuhören, als sie sich ihm gegenüber öffnet und ihre Angst vor der ernsten Liebe äußert. Das Selbstvertrauen beschränkt sich in Girls immer noch auf das Körperliche, Sexuelle. Das ist gut, aber auch schade, da wäre noch so viel mehr zu tun!

Rebel-WilsonLena-DunhamMo'Nique AdeleMissy-Elliott Beth-Ditto

Weltfrauentag! Ich wünsche uns schönen Daminnen und Damen eine starke und bunte Zukunft und möchte mit diesen außergewöhnlichen Frauen an das Individuelle und Besondere erinnern, die erst Persönlichkeit ausmachen. Die Liste könnte man noch lange fortsetzen, wen hättet ihr noch gewürdigt?

Anjelica-Huston Jeanne-Moreau Charlotte-Gainsbourg Katharine-HepburnTilda-Swinton Patricia-Neal Shelley-Duvall Patti-Smith