Filmsachen #7: Notting Hill

Notting Hill ist nicht nur eine der unterhaltsamsten und liebenswertesten romantischen Komödien, sondern auch ein wirklich guter Kostümfilm. Alles beginnt mit der Kleidung von Anna (Julia Roberts), die von Will (Hugh Grant) mit Orangensaft überschüttet und von ihr schließlich in seiner Wohnung gewechselt wird. Dabei kommt gleich eine Standardsitaution des Kostümplots zum Tragen: Nach der Metamorphose, dem Kleidungswechsel, präsentiert sich Anna beim Heruntergehen der Treppe als Schauspielerin zwischen Glamour und Bodenständigkeit. Versuchte sie sich vorher noch mit einer großen Sonnenbrille und einem cleanen Look schwer erkennbar zu machen – dabei verriet ihr feines Barett von Chanel allerdings schon ihre präzise, elegante Kleidungswahl – so erscheint sie nun in einem bauchfreien, mit Perlen verzierten Oberteil, aber mit Turnschuhen. Annas Gaderobe ist ohnehin sehr zurückhaltend und lässt damit Platz für eine Figur, die weder Diva noch Alltagsmensch ist, sondern sich in der Traumwelt Hollywood irgendwie zwischen den Stühlen zu bewegen scheint. Sie trägt strenge Hosenanzüge und Krawatten, und verweigert sich damit Hollywoods klassischem Bild von einer bedrohlich-weiblichen Femme fatale.

Anstatt Anna als glamouröse, luxusliebende Filmdiva zu inszenieren, wird über ihre Kleidung ein anderer Plot erzählt: Sie ist eigentlich ein All-American-Girl, ein Mädchen von Nebenan. Ihre Besonderheit speist sich im Film somit weniger durch einen Stil, der sie als Star von anderen abhebt, sondern durch einen casual Look, der sie nicht als Fremdkörper in Wills geordneter Londoner Welt erscheinen lassen. Je besser sich Anna und Will kennen lernen und sich näher kommen, desto ähnlicher wird sich ihre Kleidung, besonders in den Farben. Anna trägt zum Abendessen bei Wills Schwester eine graue Seidenbluse, er ein graues Hemd. Das florale Muster korrespondiert stark mit dem geblümten Kleid von Bella. Auch mit dieser Frau verbindet Will eine Liebesgeschichte. Als Anna Zuflucht bei ihm sucht, weil freizügige Fotos von ihr aufgetaucht sind, trägt sie eine rote Sonnenbrille, die sich unweigerlich in Wills rosafarbenem Hemd spiegelt. In den anschließenden Tagen sind sich die beiden so nah wie nie. Auch die Entfernung voneinander zeigt sich über das Kostümbild, wenn Anna in einem blauen Rock und Pullover – die unweigerlich an das Blau in Marc Chagalls Bild erinnern, das sie ihm schenkt – vor Will steht und sich bei ihm eine zweite Chance erbittet, zeigt sein rosafarbenes Hemd an, dass sie an diesem Punkt noch nicht finden werden.

Der Film zieht seinen Charme sicherlich auch daraus, dass er nicht die Figur der amerikanischen Schauspielerin als exzentrisch und fremdartig überzeichnet, sondern mehr Skurrilität in die Nebenfiguren des britischen Freundeskreises legt. Das kann man als stereotype Darstellung einer gewissen europäischen Verschrobenheit sehen, aber wer sonst steht so sehr zur eigenen Schrulligkeit, wie die Briten es tun? Letztendlich resultiert daraus ein Humor, der mit einer Fülle von Anspielungen auf verrückte Kleidungsvorlieben verknüpft ist: Spikes durchgeknallte T-Shirts, die er Will vorführt, um sich für ein Date zu rüsten, Honeys floppige Haare und ihr Hang zu flatterhaften Kleidchen (und Männern) und Martins spießiger Altherrencardigan, der ihn als schrulligen Buchhändler kennzeichnet. „Sexy Jäckchen“ ist da vielleicht gar nicht mal ironisch gemeint.

Notting Hill (Großbritannien/USA 1999, Regie: Roger Michell, Kostümbild: Shuna Harwood)

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1 Kommentar
  1. Marla sagte:

    Hey Susan,

    Sarah hat mich auf deinen Blog verwiesen, neugierig zog es mich hierher und dann stieß ich gleich auf diesen wunderbaren Beitrag über die wohl tollste romantische Komödie aller Zeiten (zumindest meiner Meinung nach). Schön, dass Du auf die Kostüme eingegangen bist – das finde ich immer besonders interessant.

    Liebe Grüße,
    Natalie

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