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Archiv für den Monat September 2012

Vor etwa vier Wochen war ich zum ersten Mal in London. Die vielen überraschten Reaktionen diverser Gesprächspartner („Was, du warst noch nie in London? OMG!“) haben sicherlich dazu beigetragen, dass ich diese Stadt nun auch mal sehen wollte, es war aber auch die Idee, mit meiner alten Freundin Katja Urlaub zu machen. Es bot sich also an, eine Stadt zu besuchen, die ich noch nie und sie vor Ewigkeiten einmal gesehen hatte. Städtetrips sind ja nie entspannend und gerade in London kann man wohl kaum von einer entspannten Stadt sprechen, was die Geschwindigkeit des Lebens dort angeht: schnelle U-Bahnen, überall Take-Away-Sandwich-Stores für das Mittagessen auf dem Weg, rasende Busse und unheimlich stark beschleunigte Rolltreppen. Die Stadt gibt den Takt vor, in dem man sich als Mensch dort zu bewegen hat, nach den ruhigen Ecken muss da man schon etwas suchen. Nichtsdestotrotz gibt es natürlich auch Flecken zum Innehalten und Fotographieren.

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Na, wer ist das hier im schicken roten Shirt in Robert Altmans The Long Goodbye (USA 1973)? Na klar, unser allerliebster Österreicher Arnold Schwarzenegger in seiner zweiten Filmrolle, für die er allerdings keine Erwähnung im Aspann bekam. Und weil er auch den Mund nicht aufmachen darf, zollt er seinem Heimatland über die Farben seiner Kleidung Tribut. Ich habe nicht schlecht geguckt, als ich mir diesen wirklich großartigen Film angeschaut habe und Arni da als Bodyguard im Hintergrund rumstehen sah. Altman wurde ordentlich für seinen ungewöhnlichen Film Noir gescholten, der die Figur des Philip Marlowe aus den Romanen Raymond Chandlers ganz anders zeigt, als es bisher beispielsweise durch Humphrey Bogart in The Big Sleep (Tote schlafen fest, USA 1946, Regie: Howard Hawks) passiert ist. Unberechtigte Kritik, denn wer bitte ist cooler als Elliott Gould als Marlowe, der sich nicht von seiner Krawatte trennen will. Ein wirklich witziger Kostümplot, der hier am Rande ausgespielt wird. Toller Film mit guter Musik und einem faszinierenden Ende, der sich nicht nur wegen Arnis großartigem Auftritt lohnt!

Es hat doch noch geklappt, ich konnte eine Woche vor Schluss die dOCUMENTA (13) besuchen! Unsere kleine Kunstkutsche machte sich um 7 Uhr in Mainz auf den Weg nach Kassel, wo wir dann gar nicht mal so lange für ein schönes Tagesticket anstehen mussten. Los ging es mit der documenta-Halle und der Orangerie, dann schlenderten wir durch die Karlsaue und fanden schließlich mit der Neuen Galerie einen gebührenden Abschluss des Tages. Zwischen den skeptisch dreinblickenden Besuchern ohne Kunstkontext und den wissend scheinenden Bildungsbürgern war es eine Freude, sich an der öffentlichen Wirkung der Werke zu erfreuen. Wie schön, dass hier eine Mischung an Menschen zusammenkommt, in der sich der sinnlich-ästhetische und der intellektuellen Zugang zur Kunst vereinen.

Besonders gefallen haben mir die Arbeiten von Etel Adnan – kleinformatige, farbenfrohe Bilder, in deren Flächigkeit man gerne Landschaften erkennen möchte –, Maria Martins – Skulpturen zwischen menschlichen und tierischen (oder außerirdischen) Lebensformen, irgendwie abstoßend und gleichzeitig unglaublich elegant – und David Link – mechanisch erzeugte Liebesbriefe aus den immer gleichen Worten, die das Verhältnis von Mensch und Maschine erkunden. Wer sich noch auf den Weg nach Kassel machen möchte, dem empfehle ich außerdem die ausgestellten Stücke von Apitchapong Weerasethakul, Erkki Kurenniemi – elektronische Musikinstrumente und Videokunst in verspielter und experimenteller Manier – und die Klanginstallation von Janet Cardiff und George Bures Miller und und und … Es gibt viel zu entdecken!

1+2: Pedro Reyes – Sanatorium

3: Maria Martins – Prometheus II, 1948

4: Time/Bank (e-flux: Julieta Aranda und Anton Vidokle)

5: Andrea Büttner

6: Apichatpong Weerasethakul – The Importance of Telepathy

7: Christian Philipp Müller – Mangold-Fähre (Der Russe kommt nicht mehr über die Fulda)

Der Film zum Album, das ist auch mal ’ne Idee. Gehen nun Musiker des New Weird America unter die Filmemacher, kann man nichts anderes erwarten, als einen weirden Kurzfilm, der noch dazu die Songs der aktuellen Platte Swing Lo Magellan verarbeitet. Die Dirty Projectors sind ja schon immer ein bisschen sehr durchgeknallt gewesen, dieser Clip macht es nun auch vollends visuell deutlich. Da reihen sich Szenen aneinader, die traumhafter und entrückter nicht sein könnten. Da wird auch fleißig über Geröllhalden und Blumenwiesen gelaufen, in zimmerähnlichen Kulissen der Choral intoniert und schließlich im Vorort das Auto von leichtbekleideten Damen gewaschen. David Longstrenth scheint jedenfalls gut drauf gewesen zu sein.

Filmisch erinnert mich das irgendwie an Stanley Kubrick und Peter Greenaway, an Lars von Trier und Gus van Sant und Robert Altman und… nun ja. Schauen, wirken lassen, Meinung bilden. Ich befinde mich gerade noch mitten in diesem Prozess.

Notting Hill ist nicht nur eine der unterhaltsamsten und liebenswertesten romantischen Komödien, sondern auch ein wirklich guter Kostümfilm. Alles beginnt mit der Kleidung von Anna (Julia Roberts), die von Will (Hugh Grant) mit Orangensaft überschüttet und von ihr schließlich in seiner Wohnung gewechselt wird. Dabei kommt gleich eine Standardsitaution des Kostümplots zum Tragen: Nach der Metamorphose, dem Kleidungswechsel, präsentiert sich Anna beim Heruntergehen der Treppe als Schauspielerin zwischen Glamour und Bodenständigkeit. Versuchte sie sich vorher noch mit einer großen Sonnenbrille und einem cleanen Look schwer erkennbar zu machen – dabei verriet ihr feines Barett von Chanel allerdings schon ihre präzise, elegante Kleidungswahl – so erscheint sie nun in einem bauchfreien, mit Perlen verzierten Oberteil, aber mit Turnschuhen. Annas Gaderobe ist ohnehin sehr zurückhaltend und lässt damit Platz für eine Figur, die weder Diva noch Alltagsmensch ist, sondern sich in der Traumwelt Hollywood irgendwie zwischen den Stühlen zu bewegen scheint. Sie trägt strenge Hosenanzüge und Krawatten, und verweigert sich damit Hollywoods klassischem Bild von einer bedrohlich-weiblichen Femme fatale.

Anstatt Anna als glamouröse, luxusliebende Filmdiva zu inszenieren, wird über ihre Kleidung ein anderer Plot erzählt: Sie ist eigentlich ein All-American-Girl, ein Mädchen von Nebenan. Ihre Besonderheit speist sich im Film somit weniger durch einen Stil, der sie als Star von anderen abhebt, sondern durch einen casual Look, der sie nicht als Fremdkörper in Wills geordneter Londoner Welt erscheinen lassen. Je besser sich Anna und Will kennen lernen und sich näher kommen, desto ähnlicher wird sich ihre Kleidung, besonders in den Farben. Anna trägt zum Abendessen bei Wills Schwester eine graue Seidenbluse, er ein graues Hemd. Das florale Muster korrespondiert stark mit dem geblümten Kleid von Bella. Auch mit dieser Frau verbindet Will eine Liebesgeschichte. Als Anna Zuflucht bei ihm sucht, weil freizügige Fotos von ihr aufgetaucht sind, trägt sie eine rote Sonnenbrille, die sich unweigerlich in Wills rosafarbenem Hemd spiegelt. In den anschließenden Tagen sind sich die beiden so nah wie nie. Auch die Entfernung voneinander zeigt sich über das Kostümbild, wenn Anna in einem blauen Rock und Pullover – die unweigerlich an das Blau in Marc Chagalls Bild erinnern, das sie ihm schenkt – vor Will steht und sich bei ihm eine zweite Chance erbittet, zeigt sein rosafarbenes Hemd an, dass sie an diesem Punkt noch nicht finden werden.

Der Film zieht seinen Charme sicherlich auch daraus, dass er nicht die Figur der amerikanischen Schauspielerin als exzentrisch und fremdartig überzeichnet, sondern mehr Skurrilität in die Nebenfiguren des britischen Freundeskreises legt. Das kann man als stereotype Darstellung einer gewissen europäischen Verschrobenheit sehen, aber wer sonst steht so sehr zur eigenen Schrulligkeit, wie die Briten es tun? Letztendlich resultiert daraus ein Humor, der mit einer Fülle von Anspielungen auf verrückte Kleidungsvorlieben verknüpft ist: Spikes durchgeknallte T-Shirts, die er Will vorführt, um sich für ein Date zu rüsten, Honeys floppige Haare und ihr Hang zu flatterhaften Kleidchen (und Männern) und Martins spießiger Altherrencardigan, der ihn als schrulligen Buchhändler kennzeichnet. „Sexy Jäckchen“ ist da vielleicht gar nicht mal ironisch gemeint.

Notting Hill (Großbritannien/USA 1999, Regie: Roger Michell, Kostümbild: Shuna Harwood)