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Archiv für den Monat Juli 2011

Mach’s gut, Amy!

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Die offizielle Festivalhymne zum diesjährigen MELT! – „2 Hearts“ von Digitalism – wollte zwar nur zwei Herzen schlagen hören, in Wirklichkeit waren es aber weitaus mehr: Auf dem schönen Ferropolis-Gelände hatten sich gefühlt noch mehr Indie- und Elektroliebhaber eingefunden als im letzten Jahr. Es war voll, aber trotzdem nicht überfüllt, was eine der ganz großen Stärken dieses Festivals ist, das sich so seine Gemütlichkeit bewahren konnte. Hipster, sächselnde Styler, junges Gemüse, ein paar verirrte Prollos und jede Menge Holländer bevölkerten Campingplätze und Festivalgelände, machten kleidungsmäßig wieder alles mit, was ging. Obligatorisch: Jeanshotpants, Strohhut, Glitzer im Gesicht, goldene Leggins, bunter Kopfschmuck. Doch war das Publikum etwas weniger stylisch als in den letzten Jahren, was gut ist, denn ein bisschen Ranzigkeit gehört schließlich zum Festival dazu. Das Wetter spielte daneben auch allen in die Hände, die Klamotten jeglicher Art mitgenommen hatten: Am Freitag war es kühl und windig, am Samstag heiß und sonnig und sonntags regnete es schließlich und wollte bis 2 Uhr nachts gar nicht mehr aufhören. Egal, das Line-Up gefiel trotzdem. Es war bei mir in diesem Jahr besonders ein Festival für alte Bekannte, ich habe mir fast ausschließlich Gigs von Künstlern angesehen, die ich schon kannte und darüber die Auftritte einiger anderer Größen verpasst. Doch schließlich geht der Genuss über den Stress, alles sehen zu wollen, so ist zumindest meine Einstellung. Daraus wurde dann schließlich eine schöne, runde Festivalerfahrung. Eine Enttäuschung gab es aber doch: Crystal Castles konnten sich trotz zahlreichen Zuschauern nicht dazu durchringen, länger als 40 Minuten zu spielen, was ihnen berechtigte Pfiffe und Buhrufe einbrachte. Davon abgesehen gab es aber eine Menge Highlights. Meine Top Ten:

1. Robyn: Das schwedische Partyhuhn hüpfte im Flummimodus über die Bühne und intonierte „With Every Heartbeat“ und „Love Kills“, als würde sie die Songs zum ersten Mal performen

2. Console: überzeugte mit herrlich atmosphärischen Visuals und sphärischen Klängen, die sich in ihrer Tanzbarkeit immer mehr steigerten

3. Junip: Als letzter Gig am Sonntagabend im Introzelt gab es stimmungsvollen Schwedenpop mit einlullender Lichtshow und einem äußerst charmanten José González

4. Apparat Band: Sascha Ring und seine Mannen tauchten die Melt!selektorstage direkt am Gremminer See in loungige Beats und läuteten damit die kommenden Tage ein.

5. Patrick Wolf: Rothaarig und stilvoll im blauen Anzug bescherte er dem frühen Publikum (er spielte um 19:30 Uhr) mit seinem melodischen Multiinstrumentenpop ein schönes Glanzlicht

6. Les Savy Fav: fabrizierten dank Sänger Tim Harrington eine der spannendsten Bühnenshows. Nachdem der nur mit einer Unterhose Bekleidete sich am Seitenvorhang auf die Bühne geschwungen hatte, zog er sich auch noch ein buntes Vogelkostüm an und suchte regelmäßig den Kontakt zum Publikum

7. Cold War Kids: Der Regen konnte die Stimmung kein bisschen trüben, als die kalifornischen Indierocker die Hauptbühne bespielten. Es wurde mitgesungen und getanzt, bis alle trocken waren

8. Fotos: Deutscher Indiepop at its best. Routiniert sind sie nach drei Alben, aber nicht weniger sympathisch und spielfreudig, sodass „Nach dem Goldrausch“ und „Porzellan“ richtige Mitsinger wurden

9. Retro Stefson: Leider kamen wir zu spät zu diesem Konzert in der samstäglichen Nachmittagshitze, trotzdem wurde die letzten Minuten bei flockigem Indiepop getanzt, was das Zeug hält

10. Digitalism: Keine gute Stimme, aber eine gute Show und eine Tanzbarkeit, die noch jedem Eckensteher in die Beine geht, machten Digitalism zu einem Highlight am Samstag.

Der Rest: Paul Kalkbrenner, Nicolas Jaar, Boys Noize, Miss Kittin, FM Belfast, Beady Eye, The Streets, Bodi Bill, Pulp, These New Puritans, Metronomy und DJ Koze.

Alle Bilder gibt es hier.

Von meiner Begeisterung für Austra habe ich hier schon berichtet. Dass ich bald in die angenehmen Situation geraten sollte, ein Interview mit Katie Stelmanis zu führen, wusste ich da noch nicht. Hier das Ergebnis dieses Gesprächs, das für die Juliausgabe der STUZ vor dem Konzert der Band am 15. Juni im Wiesbadender Schlachthof geführt wurde. Jenny hat während des Auftritts eifrig gezeichnet, woraus diese wunderbaren Illustrationen entstanden sind und Jonas hat einen schönen Konzertbericht verfasst.

STUZ: Eure Musik ist sehr melancholisch und dunkel. Seid ihr etwa traurige Menschen?

Katie Stelmanis: Ich denke nicht, dass wir besonders traurig sind. Ich bin sehr geprägt durch die Oper, die die meiste Zeit melancholisch ist. Diese Art von Musik habe ich immer gehört. Während der Highschool und auch in meiner Kindheit hat mich traurige Musik immer angezogen. Sie macht mich nicht traurig, sondern wenn ich sie höre und schon traurig bin, dann fühle ich mich sogar besser. So ist diese Musik für mich schon wieder optimistisch.

Der Einfluss des Operngesangs auf eure Musik ist unverkennbar. Was fasziniert dich an dieser manchmal sehr exzentrischen und künstlerischen Ausdrucksform?

Es ist vor allem die Musik. Ich mag die Art, wie dort gesungen wird. Der Operngesang ist ein Stil, der dich zunächst innehalten lässt und dann entwickelt man nach und nach ein Ohr dafür. Es ist der unglaublichste Gesangstil, den es gibt, denn es wird der gesamte Körper eingesetzt und Muskeln werden benutzt, die niemand außer Opernsänger gebraucht. Ich mag auch die theatrale Seite der Oper, sie ist inspirierend und einfach beeindruckend. Außerdem ist die Oper eine Kunstform, die alle Künste für sich nutzt: Lyrik, Schauspiel, Musik, alles ist beteiligt.

Eure Musik wird als Synth Goth oder New Dark Wave bezeichnet und du wirst mit Künstlern wie Kate Bush oder The Knife verglichen. Wenn du eurer Musik selbst einen Namen geben könntest, wie würde sie heißen?

Ich würde sie immer als „elektronisch“ beschreiben, weil dieser Begriff eine Menge einschließt. Es gibt in meiner Musik Aspekte verschiedener Genres wie Goth, House oder Witch House, oder wie auch immer diese Namen lauten. Aber sie definieren die Musik nicht vollständig, also sage ich lieber elektronisch.

Euer Musikvideo zu „Lose It“ wirkt wie eine Kunstsammlung, eine Collage aus verschiedenen Stilen, Bildern und Gesten, die zu Standbildern eingefroren sind. Liegt dahinter ein bestimmtes Konzept und wie läuft die Arbeit zum Video bei euch ab?

Ich habe mit einigen Regisseuren gesprochen und es wurden einige Treatments dafür geschrieben. Am besten hat mir dann der Entwurf von M Blash gefallen. Ich war besonders von der Ästhetik begeistert, ich mochte die Farben und dass es so seltsam und abstrakt werden sollte. Außerdem bot es einen Kontrast dazu, wie wir sonst in den Medien wahrgenommen werden und das hat mir natürlich auch gefallen.

Wenn du gerade die Berichterstattung über euch erwähnst: Es wird immer herausgestellt, dass ihr eine queere Band seid, euch zu eurer Homosexualität bekennt. Ist es euch wichtig, dass darüber berichtet wird oder geht es euch auf die Nerven?

Ein bisschen von beidem. Ich würde natürlich nicht sagen, dass es falsch ist, denn ich habe eine starke Meinung zu den Rechten von Homosexuellen. Zugleich ist es aber nicht der Hauptaspekt dieses Projekts. Ich bin trotzdem immer bereit darüber zu sprechen.

Momentan gibt es viele Bands, die offen homosexuell sind und von den Medien dafür geliebt werden: Hercules and Love Affair, The Gossip, Antony Hegarty. Das klingt fast nach einer Bewegung. Ist es für euch wichtig, als Teil solch einer Bewegung gesehen zu werden oder seid ihr lieber als Künstler eigenständig?

Was ich an diesen Künstlern mag, ist, dass sie sehr unterschiedlich sind. Das zeigt, dass sie in erster Linie eben Musiker sind. Zufälligerweise sind sie dann eben alle homosexuell und gehen damit völlig normal um. Das sind sie eben als Menschen und wenn man jemandes Musik hört und etwas über diesen Menschen lernen möchte, dann ist das etwas, was die Person ausmacht. Es beeinflusst eigentlich nicht wirklich die Musik, aber wenn man den Menschen dahinter finden will, dann ist das ein wichtiger Teil.

Heute wird zwar auch in Monaco geheiratet, aber stilmäßig wird eine andere Hochzeit wohl nicht zu übertreffen sein: Kate Moss, coolstes Model aller Zeiten, und Jamie Hince, verdammt guter Musiker bei The Kills, haben sich getraut. Wie sich das für ein modisches Genie wie Kate gehört, trug sie ein Kleid von John Galliano und ließ damit ein bisschen 20er-Jahre-Flair auf’s englische Land einziehen. Er dagegen bediente mit seinem blauen Anzug von Yves Saint Laurent ganz den stilvollen Rocker. Elvis und Elfe. Schön!

Mehr visuelle Eindrücke gibt es hier.