Hoppala Hip

Eine Freundin postete jüngst bei einem allseits bekannten Netzwerk den Link zu einem Artikel auf The Guardian Online, der sich mit dem Phänomen des Hipsterhasses beschäftigt. Eine äußerst lesenswerte und interessante Analyse dieser Mode- und Menschenerscheinung, die mich nachhaltig beschäftigt hat. Zum einen, weil wir uns alle in einer Phase permanenter Selbstorientierung und Neuverortung in Szenen und Subkulturen unserer Zeit befinden. Wer hat nicht schon einmal den Gedanken gehabt, genauso hübsch und jung und stylisch sein zu wollen wie ein Hipster oder Styler*, wer ist nicht interessiert an Kunst, Konsum und Klamotten? Und wer hat nicht zu jedem Zeitpunkt das Bedürfnis, sich so sehr wie nur möglich von der Konformität des Styles und Gebärdens dieser ultracoolen Personen zu unterscheiden?

Die Definition des eigenen Selbst kann in der Abgrenzung von anderen passieren, aber auch in der Zustimmung zum Bewusstsein einer Gruppe, nach außen signalisiert durch ein bestimmtes Verhalten oder eine spezielle Art, sich zu kleiden. Hipster kann man hassen oder lieben, sich selbst als einer bezeichnen oder sich bewusst anders geben, hingehören wollen wir alle irgendwo. Das Hipster- und Stylertum ist nicht anders als jede andere Szene, es geht um Zugehörigkeit, die durch das Einhalten bestimmter Codes erzielt wird.

Hipster werden nicht zuletzt als junge Menschen gesehen, die vor allem Interesse an Kunst und Kultur haben, und wenn sie sie nicht selbst gestalten, so doch reichlich konsumieren. Das Bild des Stylers hat somit längst in Musik und Werbung Eingang gefunden. Deine Jugend, eine Styler-„Punk“-Pop-Band aus Mannheim, zeichnet sich durch eine dermaßen hohe Dichte an hübsch-hippen Menschen in ihrem Video zum Song „Mama geht jetzt steil“ aus, dass man das Zielpublikum ihrer doch recht herkömmlichen Musik genau eingrenzen kann. Schon der Sprech des Songtitels verweist auf die Szene, in der sich die Band verortet wissen will: Man ist jung und gekonnt aufmüpfig. Man nimmt sich sehr ernst im Gepose. Dass der Mainstream-Appeal ihrer Musik dem Hipstertum, welches das vermeintlich Unbekannte, Undergroundige favorisiert, wohl nicht recht gefallen wird, zeigt deutlich die Diskrepanz zwischen Selbstverständnis und Außenwirkung.

Das amerikanische DJ-Gespann Armand van Helden und A-Track nennt sich Duck Sauce und sampelt im Track „Brabra Streisand“ den Rhythmus von Boney M.s „Gotta Go Home“ und zeichnet darüber ein sehr hippes Bild von New York. Da regiert ohnehin die Hipness. Lauter schöne erfolgreiche Menschen, kreative Künstler und alle haben Spaß. Man kann nur einstimmen. Boney M.s Tune funktioniert immer noch, der Song setzt sich fest. Ist nicht auch das etwas, was Hipstertum ausmacht, die Freude am betont schönen Leben, an Musik und Party?

Über die Codes und das Verhalten von Stylern weiß die Werbung Bescheid und hat sie wunderbar instrumentalisiert, um sie in all ihrer Banalität und Übertriebenheit auf ein Produkt zu münzen. Was gleich einen Teil der hippen Lebenswirklichkeit wiedergibt und die Konsumorientierung nur zu gut verdeutlicht. Unterhaltsamer und satirischer kann Werbung nicht sein. Und sie vermittelt damit, was ohnehin für Hipster gilt: Wir meinen es ernst, lacht ja nicht über uns. Ein bisschen mehr Selbstironie würde vielleicht den Hass minimieren.

* Wird im Deutschen synonym gebraucht, vielleicht ist die Bezeichnung Styler in unserem Sprachraum sogar weiter verbreitet, sie beschränkt das Phänomen aber auf einen Teilaspekt. Ich mache hier keinen inhaltlichen Unterschied.

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4 Kommentare
  1. Nesselpopessel sagte:

    Hooray for

    – diesen Blogbeitrag (gut beobachtet!)
    – die wissenschaftliche *Fußnote 🙂
    – „Bra“bra Streisand 😉 and doublegangers, Questlove, Ryan Leslie und all die anderen Videogäste (incl. dem Geräusch bei 0:50)

  2. lukas sagte:

    Fragen über Fragen an die Bloggerin:
    Geht man heute steil? Bezeichnen sich junge Mädchen heute als Mamas? Warum laufen die männlichen Mitglieder der Band wie eine (ironische!!! wie hip!!!) Sido Kopie rum? Woher kennst du „eine Styler-„Punk“-Pop-Band aus Mannheim“, die sich „Die Jugend“ nennt? Hätte es keine hübschere/hippere Sängerin gegeben? Warum habe ich den Brabra Streisand klippt ausgemacht, bevor ?uestlove kam?
    Weniger eine Frage als mein subjektives Verständnis: Styler benutze ich immer pejorativer (hauptsächlich aus Neid) als Hipster und vor allem auch deutlich eingegrenzter, weil es mehr auf Äußerlichkeiten fixiert ist.

  3. Nesselpopessel sagte:

    Das Original vom Original -huhuuuuuuhuuu…

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