Das Uni-vers(itari)um

Im Leben eines jeden Studenten kommt der Zeitpunkt, an welchem er sich auf dem Campus mehr zuhause fühlt als im heimischen WG-Zimmer. Nicht aus Gemütlichkeit und Geborgenheit resultiert dieses Gefühl, sondern aus dem Eindruck, sich in einem von der eigentlichen Welt isolierten Universum zu befinden, welches wie eine Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln funktioniert. Die Uhren ticken anders – nämlich immer eine Viertelstunde später, die Währung bildet eine Plastikkarte, die Polizei besteht aus einer großen Gruppe mittelalter Damen und Herren in langen Strickröcken und Cordhosen, die den Spitznamen Bibliothekarinnen und Bibliothekare tragen.

Die Universität ist das All, in dem ich mich bewege, der Campus das Haus, in dem ich lebe. Ausstaffiert mit Tee, welchen man in der Bibliothek, dem Arbeitsplatz, eigentlich nicht trinken darf, wie ich erst neulich von einer freundlichen Ordnungshüterin zurechtgewiesen wurde, verbringe ich hier viele Stunden. So wie noch weitere hundert Studenten mit mir. Alles Arbeitswütige, die sich um 9 Uhr in der Bibliothek ihr Revier durch die strategische Verteilung von Textstapeln, Laptops und Ladekabeln markieren, sich anschließend hinter Bücherwänden verbarrikadieren und akribisch auf den Monitor starren, bis ihnen die Augen von der pixeligen Buchstabensuppe aus dem Kopf fallen. Aber man kann hier wirklich ausgezeichnet arbeiten, zumindest lesen und exzerpieren. Abgeschnitten von der Umwelt kann sich der Geist ganz auf die Wissenschaft konzentrieren, so wie es sich die Gründer der Lehranstalten sicherlich vor Jahrhunderten vorgestellt haben.

Eigentlich fehlen auf dem Campus, meiner kleinen Stadt, nur zwei Dinge: ein Supermarkt und ein Frisör. So muss man doch von Zeit zu Zeit durch ein Wurmloch in die andere Welt reisen. Und schlagartig wird einem klar, was im Universum Universität außerdem noch fehlt: Der Bezug zur Wirklichkeit. Innerhalb ihres eigenen Werterahmens funktioniert das kleine All ganz wunderbar, doch hat man erst einmal die frische Luft des richtigen Lebens geschnuppert, wird einem bewusst, dass man mit dem in der Uni angehäuften Wissen zwar sich selbst gebildet hat, aber draußen noch ganz andere Anforderungen an den Menschen gestellt werden. Plötzlich klafft da ein schwarzes Loch in der Materie. Wo ist der Faden, der es flicken kann?

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