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Archiv für den Monat Oktober 2010

Mainz, Wallaustraße

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Eine Freundin postete jüngst bei einem allseits bekannten Netzwerk den Link zu einem Artikel auf The Guardian Online, der sich mit dem Phänomen des Hipsterhasses beschäftigt. Eine äußerst lesenswerte und interessante Analyse dieser Mode- und Menschenerscheinung, die mich nachhaltig beschäftigt hat. Zum einen, weil wir uns alle in einer Phase permanenter Selbstorientierung und Neuverortung in Szenen und Subkulturen unserer Zeit befinden. Wer hat nicht schon einmal den Gedanken gehabt, genauso hübsch und jung und stylisch sein zu wollen wie ein Hipster oder Styler*, wer ist nicht interessiert an Kunst, Konsum und Klamotten? Und wer hat nicht zu jedem Zeitpunkt das Bedürfnis, sich so sehr wie nur möglich von der Konformität des Styles und Gebärdens dieser ultracoolen Personen zu unterscheiden?

Die Definition des eigenen Selbst kann in der Abgrenzung von anderen passieren, aber auch in der Zustimmung zum Bewusstsein einer Gruppe, nach außen signalisiert durch ein bestimmtes Verhalten oder eine spezielle Art, sich zu kleiden. Hipster kann man hassen oder lieben, sich selbst als einer bezeichnen oder sich bewusst anders geben, hingehören wollen wir alle irgendwo. Das Hipster- und Stylertum ist nicht anders als jede andere Szene, es geht um Zugehörigkeit, die durch das Einhalten bestimmter Codes erzielt wird.

Hipster werden nicht zuletzt als junge Menschen gesehen, die vor allem Interesse an Kunst und Kultur haben, und wenn sie sie nicht selbst gestalten, so doch reichlich konsumieren. Das Bild des Stylers hat somit längst in Musik und Werbung Eingang gefunden. Deine Jugend, eine Styler-„Punk“-Pop-Band aus Mannheim, zeichnet sich durch eine dermaßen hohe Dichte an hübsch-hippen Menschen in ihrem Video zum Song „Mama geht jetzt steil“ aus, dass man das Zielpublikum ihrer doch recht herkömmlichen Musik genau eingrenzen kann. Schon der Sprech des Songtitels verweist auf die Szene, in der sich die Band verortet wissen will: Man ist jung und gekonnt aufmüpfig. Man nimmt sich sehr ernst im Gepose. Dass der Mainstream-Appeal ihrer Musik dem Hipstertum, welches das vermeintlich Unbekannte, Undergroundige favorisiert, wohl nicht recht gefallen wird, zeigt deutlich die Diskrepanz zwischen Selbstverständnis und Außenwirkung.

Das amerikanische DJ-Gespann Armand van Helden und A-Track nennt sich Duck Sauce und sampelt im Track „Brabra Streisand“ den Rhythmus von Boney M.s „Gotta Go Home“ und zeichnet darüber ein sehr hippes Bild von New York. Da regiert ohnehin die Hipness. Lauter schöne erfolgreiche Menschen, kreative Künstler und alle haben Spaß. Man kann nur einstimmen. Boney M.s Tune funktioniert immer noch, der Song setzt sich fest. Ist nicht auch das etwas, was Hipstertum ausmacht, die Freude am betont schönen Leben, an Musik und Party?

Über die Codes und das Verhalten von Stylern weiß die Werbung Bescheid und hat sie wunderbar instrumentalisiert, um sie in all ihrer Banalität und Übertriebenheit auf ein Produkt zu münzen. Was gleich einen Teil der hippen Lebenswirklichkeit wiedergibt und die Konsumorientierung nur zu gut verdeutlicht. Unterhaltsamer und satirischer kann Werbung nicht sein. Und sie vermittelt damit, was ohnehin für Hipster gilt: Wir meinen es ernst, lacht ja nicht über uns. Ein bisschen mehr Selbstironie würde vielleicht den Hass minimieren.

* Wird im Deutschen synonym gebraucht, vielleicht ist die Bezeichnung Styler in unserem Sprachraum sogar weiter verbreitet, sie beschränkt das Phänomen aber auf einen Teilaspekt. Ich mache hier keinen inhaltlichen Unterschied.

Im Leben eines jeden Studenten kommt der Zeitpunkt, an welchem er sich auf dem Campus mehr zuhause fühlt als im heimischen WG-Zimmer. Nicht aus Gemütlichkeit und Geborgenheit resultiert dieses Gefühl, sondern aus dem Eindruck, sich in einem von der eigentlichen Welt isolierten Universum zu befinden, welches wie eine Parallelgesellschaft mit eigenen Regeln funktioniert. Die Uhren ticken anders – nämlich immer eine Viertelstunde später, die Währung bildet eine Plastikkarte, die Polizei besteht aus einer großen Gruppe mittelalter Damen und Herren in langen Strickröcken und Cordhosen, die den Spitznamen Bibliothekarinnen und Bibliothekare tragen.

Die Universität ist das All, in dem ich mich bewege, der Campus das Haus, in dem ich lebe. Ausstaffiert mit Tee, welchen man in der Bibliothek, dem Arbeitsplatz, eigentlich nicht trinken darf, wie ich erst neulich von einer freundlichen Ordnungshüterin zurechtgewiesen wurde, verbringe ich hier viele Stunden. So wie noch weitere hundert Studenten mit mir. Alles Arbeitswütige, die sich um 9 Uhr in der Bibliothek ihr Revier durch die strategische Verteilung von Textstapeln, Laptops und Ladekabeln markieren, sich anschließend hinter Bücherwänden verbarrikadieren und akribisch auf den Monitor starren, bis ihnen die Augen von der pixeligen Buchstabensuppe aus dem Kopf fallen. Aber man kann hier wirklich ausgezeichnet arbeiten, zumindest lesen und exzerpieren. Abgeschnitten von der Umwelt kann sich der Geist ganz auf die Wissenschaft konzentrieren, so wie es sich die Gründer der Lehranstalten sicherlich vor Jahrhunderten vorgestellt haben.

Eigentlich fehlen auf dem Campus, meiner kleinen Stadt, nur zwei Dinge: ein Supermarkt und ein Frisör. So muss man doch von Zeit zu Zeit durch ein Wurmloch in die andere Welt reisen. Und schlagartig wird einem klar, was im Universum Universität außerdem noch fehlt: Der Bezug zur Wirklichkeit. Innerhalb ihres eigenen Werterahmens funktioniert das kleine All ganz wunderbar, doch hat man erst einmal die frische Luft des richtigen Lebens geschnuppert, wird einem bewusst, dass man mit dem in der Uni angehäuften Wissen zwar sich selbst gebildet hat, aber draußen noch ganz andere Anforderungen an den Menschen gestellt werden. Plötzlich klafft da ein schwarzes Loch in der Materie. Wo ist der Faden, der es flicken kann?

Vielleicht sah er einfach zu einsam aus an unserer Wohnungstür, der Jogi. Sein süffisantes Lächeln hat einen Fremden dazu eingeladen, eine Menge LOVE zu empfinden und seine Anhängerschaft für den 1. FC Köln kundzutun. Jogi wird es freuen, schließlich ist er auf dem Platz auch immer gern zu zweit. Ob die Ziege Hansi heißt?

Nun ja, hier gibt es ein Video, an dem ich selbst beteiligt bin. Als Autorin und Schauspielerin, wenn man das so nennen will. Deshalb ist es mir fast unangenehm, es hier einzustellen. Doch das ist so eine Sache mit der eigenen Sache. Ich bin auch ein bisschen stolz auf den Clip, der für’s ZDF als Teaser für die neue Staffel der Rosenheim-Cops entstanden ist. Es steckt ein Konzept dahinter, welches sich wahrscheinlich nur und hoffentlich vor allem dem Fan der Provinzpolizisten erschließen mag. Ob der Humor auch ohne Kontext wirkt, sollen andere beurteilen. Bis jetzt war die Resonanz jedenfalls positiv und äußerte sich vor allem in schallendem Gelächter meiner Kollegen und meiner Familie – nicht über, sondern mit dem Gesehenen, versteht sich. Der Clip ist in jedem Fall sehr gut für meine Lieblingsbeschäftigung geeignet, die mich momentan so schön vom Lernen abhält: virale Kommunikation auf diversen Plattformen. Da wird die eigene Sache wie von selbst zu einer, die sich aus ihrem ursprünglichen Kontext löst und hoffentlich auch andere auf eine Weise begeistern kann, die ursprünglich nicht intendiert ist.

Weil sich WordPress allerdings denkt, dass alles doch mal da bleiben soll, wo es herkommt, kann ich hier kein Video einbinden. Es lebe die Ironie: Hier geht’s zum Clip.