Ich fühle mich so vintage

Alle Mainzer, zumindest die, die in der ohnehin etwas schmutzigeren Neustadt residieren, kennen diesen Anblick.

Sperrmüllhaufen, wohin das Auge reicht. An jeder Ecke in meiner Stadt. Da kann der Fußweg auch noch so schmal sein, Platz für ein paar alte Regalbretter ist da allemal. Das scheinen sich jedenfalls die Entsorgungswütigen zu denken. Ohnehin wird hier anscheinend ständig ausgemistet, gerne auch versiffte Matratzen, geschmacklos gemusterte Polstermöbel – bei deren Anblick man sich eigentlich nur freuen kann, dass ihnen endlich jemand Lebewohl gesagt hat – und großformatige Küchengeräte auf dem Weg in die endlosen Abgründe der Halde. Nach ein paar Tagen ist das Zeug dann weg. Zum Glück, denn so sehr ich mich in den letzten Jahren auch an diese Stapel der gelebten Ausmisterei gewöhnt habe, so sehr geht mir doch das Herz auf, wenn ich den Bürgersteig weder ganz für mich habe. Warum das Zeug da auch immer tagelang liegt, ist mir ohnehin ein Rätsel, denn eigentlich hat die Stadt ihre Sperrmüllentsorgung ganz gut und sozial geregelt. Die Abholung ist umsonst, nur ein Termin ist zu vereinbaren, an dem der verlebte Wohnmist vom großen lauten Wagen mitgenommen wird. Der Müll soll am Vorabend der Abholung allerdings frühestens um 18 Uhr auf der Straße postiert werden, doch bei manchen Menschen scheint die Trennung von ihren ehemals geschätzten Einrichtungsgegenständen so herbei gesehnt zu werden, dass sie sie schon drei Tage vorher aus dem Fenster werfen. Und dann liegen sie da und stören das Stadtbild.

Doch gleichzeitig erfreuen sie das Studentenherz. Denn hat nicht jeder Unigänger zu Hause mindestens ein Teil aus den diversen Haufen aus alten Küchengeräten, zerlegten Regalen und verschlissenen Sitzmöbeln? Und sei es nur der unspektakuläre, aber für die Arbeit ungemein wichtige weil essentielle Schreibtischstuhl. Auch mein Hintern thront auf einem solchen Sperrmüllmitnehmsl, während ich diesen Text schreibe. Ich kann mich also aus dem Kreis der Gelegenheitssperrmüllwühler nicht ausschließen und möchte ihn trotzdem analysieren. Objektivität hat hier ohnehin nichts verloren. Was hat es also damit auf sich, dass die Augen des jungen Mainzers – der vor allem einem hippen, trendfolgenden und doch so individualistischen Bild zu entsprechen scheint – gleichermaßen erzürnen und doch ein wenig selig dreinschauen, wenn sie vom Lichte eines Spermüllhaufens getroffen werden? Um den Sperrmüll weht der Hauch der Antiquität, für die man nicht mal Geld im Laden oder auf dem Flohmarkt abdrücken muss. Die Aura des schicken Einzelstücks, dessen Design es heute für ähnliche Gegenstände doch gar nicht mehr geben kann. Das Charisma des individuellen Vintageteils, das auch seinen neuen Besitzer zu etwas Besonderem macht. Vielleicht ist dies der wichtigste Grund, warum man gerne mal das ein oder andere Teil vom Sperrmüll mitnimmt, auch wenn das Risiko besteht, dass das gute Stück auch schon vom gehobenen Hundebein geküsst wurde. Man wähnt sich als speziell, weil es erstens ein unheimlich großer Zufall ist, dieses wirkliche schicke Teil dort entdeckt zu haben, es zweitens als erster ­– allerdings auch einziger – gesehen zu haben und es nun drittens mitnehmen und in die ohnehin schon so ungemein individuelle Wohnungseinrichtung integrieren zu können. Ein weiterer Schritt in Richtung des personalisierten Mainstreams.

Die Sperrmüllklauerei ist ein Fluch, dem auch ich mich nicht entziehen konnte. So landete jüngst dieser sehr schicke, aber auch sehr dezente und wenn man so möchte einzigartige Koffer in meinem Besitz.

Was da wohl mal drin war? Sieht aus, als hätte er ein Musikinstrument beherbergt oder eine Schreibmaschine. Was auf jeden Fall wunderbar in ihn reinpasst: Schallplatten. Jetzt könnte ich also mit einem schicken Koffer zur nächsten Stylerparty unterwegs sein, auf der ich auflege und mich dabei ganz vintage fühlen. Oder ich lasse den Koffer einfach zu Hause und tue etwas ganz Sinnloses in ihn hinein. Vielleicht Pfandflaschen, die liegen ja sonst immer irgendwo rum. Und Taschen habe ich eigentlich auch schon genug.

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