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Archiv für den Monat August 2010

Die erste Dienstreise meines Lebens führte mich letzte Woche nach München. Ich nächtigte in einem sehr großen Hotel einer sehr großen Kette sehr gehobener Mittelklasse. Alles war gediegen und jedes Detail, jeder Einrichtungsgegenstand in seiner geleckten Austauschbarkeit typisch Business. Und als ob das noch nicht genug gewesen wäre, erwartete mich auf meinem Zimmer ein Eldorado der Möglichkeiten: festes Kopfkissen oder weiches? Als hätte ich mir schon die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen, worauf ich mein Haupt betten will. Schwierige Entscheidung. Schade, dass sie mir nicht durch das Hotel abgenommen wurde. Denn wäre das nicht der wahre Service, den Gast vom Denken abzulenken?

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Anna hat alles was sie sich wünscht: einen erfolgreichen Job, eine wohlhabende Familie, einen hingebungsvollen Freund. Sie will ihn heiraten, doch eines Tages steht ein zehnjähriger Junge in ihrer Wohnung und gibt vor, Annas vor einigen Jahren verstorbener erster Ehemann zu sein. Anna ist gleichermaßen verstört und fasziniert. Sie beginnt sich mit dem Jungen zu beschäftigen, sehr zum Leidwesen ihres Verlobten.

Nicole Kidman verschwindet als adrette Anna fast in der Umgebung, in der sie sich aufhält. Klassisch elegant passt sie perfekt in die gehobene New Yorker Gesellschaft, die irritiert auf jede außergewöhnliche Begebenheit in ihrem Leben reagiert. Die Strenge der Kostüme zwängt Anna in eine Rolle, die sich mehr und mehr auflöst. Auch das kurze Haar ist auffällig, es lässt sie androgyn wirken und verwischt alles Eindeutige: Frau oder doch noch Mädchen, heiraten oder erst herausfinden, ob der Junge vielleicht wirklich ihr Mann sein könnte, sich der Familie beugen oder doch eigene Entscheidungen treffen?

Birth (2004, Regie: Jonathan Glazer. Kostümbild: John A. Dunn)

Der Mensch hat die Angewohnheit, sich an jedem Fleck, an dem er sich länger aufhält, wohnlich einzurichten. Selbst im Büro macht dieses Benehmen nicht Halt und treibt zuweilen seltsame Blüten. Sei es eine Wand voller Artikel zur Fußball-WM, ein Dschungel im Zimmer, Insekten diffamierende Etiketten auf Schubladen oder rote Ledersofas, jedes Büro entwickelt seine eigene Form von Gemütlichkeit. Eine Tendenz in der Lockerung des grauen Ton-in-Ton-Interieurs: Humor. Wenn man sonst schon nichts zu lachen hat im Job muss man sich den Witz halt selbst machen und ihn an die Wand hängen. Da wo ihn jeder sehen kann.

Das ist eine ganz natürliche Entwicklung, schließlich verbringen wir einen Großteil unseres Tages in diesen unpersönlichen Räumen und versuchen, sie durch eine individuelle Gestaltung ein bisschen angenehmer zu machen. Wer starrt schon gern auf graue Wände, wenn es auch rot-weiße sein können. Vielleicht wäre es aber schlauer, das mit der persönlichen Einrichtung zu lassen. Dann würde man schneller nach Hause wollen, was zur Folge hat, das man schneller arbeitet, was zur Folge hat, dass man mehr schafft, was zur Folge hat, dass man viel in wenig Zeit erledigen will, was schließlich Stress verursacht. Doch keine so gute Idee.

Nun haben meine Auge schon einige Redaktionen erblickt und ich habe festgestellt, dass es, egal wie hoch der Professionalisierungsgrad der Institution, in deren Gebäude sich das Büro befindet, auch sein mag, sich überall mindestens ein Stück persönliche Gestaltung finden lässt. Hier die schönsten Eindrücke. Ich jedenfalls fühlte mich mal mehr, mal weniger zuhause.

Manchmal frage ich mich schon, wohin der gute alte Stil abhanden gekommen ist. Gäbe es ein Substantiv zu adrett, so würde ich es hier als Beschreibung einer gewissen Eleganz vermissen. Adretta wäre vielleicht eine Möglichkeit. Nun ist das aber leider eine Kartoffelsorte und damit soweit von Eleganz entfernt wie Mainz vom Meer. Das sollte jedoch kein Grund sein, sich des Stils zu verweigern, der einen Menschen vom Einfachen zum Besonderen erheben kann. Vor allem Mann könnte des Öfteren zum Hemd statt zum T-Shirt greifen. Einige meiner männlichen Freunde tun dies zwar, doch vermisse ich immer noch ein Detail, das dem Hemd endgültig die Eleganz früherer Tage verleiht, als man sich noch schick gemacht hat, wenn man das Haus verließ: Manschettenknöpfe! Heute kein Trend mehr, dabei besitzen sie als kleine Schmuckstücke am Ärmel gerade die Eigenschaften, die ein guter Trend so haben muss: Nicht zu schnelllebig in ihrer Form, sind sie doch abwechslungsreich in Gestaltung und Farbe, sodass es nicht langweilig wird und man mit ihnen das Hemd individuell ergänzen kann. Apropos individuell: Je nach Wahl des Manschettenknopfes kann man sich in eine bestimmte Haltung begeben. Von meinem Großvater habe ich drei sehr hübsche Paar Manschettenknöpfe geerbt, deren Ausdruck ihrem Träger gleich eine ganz neue Aura geben.

Der Player

Der Tiger

Der Mann mit dem blauen Auge

Bei H&M hat es vor einigen Jahren einmal Manschettenknöpfe mit einem Mops drauf gegeben. Damit wären wir wieder bei der Eleganz einer Kartoffel angelangt. Ich hätte sie trotzdem getragen.